"Sie müssen weg, sie alle"

27. Juni 2002, 16:06
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Der afghanische Präsident Hamid Karsai sieht die wichtigste Aufgabe seiner Übergangsregierung in der Entmachtung der Kriegsherren und Provinsfürsten

Kabul - Der afghanische Präsident Hamid Karsai hat am Donnerstag als wichtigste Aufgabe seiner Übergangsregierung die Entmachtung der Kriegsherren in den Provinzen des Landes bezeichnet. In einem Interview mit der Nachrichtenagentur Reuters forderte er zudem die internationale Staatengemeinschaft auf, mit Hilfszahlungen den Aufbau seines Landes zu unterstützen.

Karsai, der von der Großen Volksversammlung, der Loya Jirga, zum Präsidenten gewählt worden ist, sagte, das Volk fordere, dass endlich Schluss sein müsse mit den Kriegsherren und Provinzfürsten: "Sie müssen weg, sie alle." Jeder könne am politischen Prozess zum Wohle Afghanistans teilnehmen, nicht aber, um eigene regionale Interessen zu vertreten. Zugleich sagte er, er warte immer noch auf die von der Staatengemeinschaft zugesagten 4,5 Milliarden Dollar (4,54 Mrd. Euro), um mit dem Wiederaufbau des in 23 Jahren Krieg und Bürgerkrieg zerstörten Landes beginnen zu können.

Hilfsorganisationen im Norden wiederholt angegriffen

Karsais Übergangsregierung soll in den nächsten 18 Monaten Neuwahlen vorbereiten. Sie baut gegenwärtig eine Armee auf, um in dem Vielvölkerstaat der Zentralgewalt auch in entlegenen Regionen Geltung zu verschaffen. Dort haben immer noch lokale Kriegsherren das Sagen, die eigene Interessen verfolgen. Internationale Hilfsorganisationen berichten, dass sie vor allem im Norden wiederholt von Kämpfern angegriffen worden seien. Karsai forderte deshalb erneut, die internationale Sicherheitstruppe ISAF, die gegenwärtig nur im Raum der Hauptstadt Kabul für Ruhe und Ordnung sorgt, auch im Norden einzusetzen. Das Volk und der dort ansässige Usbeken-General Abdul Raschid Dostum seien damit einverstanden.

Für den amerikanischen Unabhängigkeitstag am 4. Juli werden unterdessen die Sicherheitsvorkehrung für die US-Streitkräfte in Afghanistan verschärft. Nach Militärangaben vom Donnerstag sollen die Truppen die Umgebung um den Stützpunkt Bagram häufiger kontrollieren, um sich vor möglichen Terroranschlägen zu schützen. Trotzdem seien jedoch Feierlichkeiten geplant, erklärte US-Militärsprecher Oberst Roger King. So wollten die Soldaten an einem Wettlauf über zehn Kilometer teilnehmen, im Anschluss werde es ein Picknick geben. Für die Wachposten müsse dies aber ausfallen, sagte King. (APA/Reuters/AP)

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