Das Verschwinden des Vertrauens

27. Juni 2002, 14:42
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Thema Bilanz beherrscht die Kapitalmärkte - Arthur Andersen wie bei Enron auch bei WorldCom für Bilanzprüfung verantwortlich

Frankfurt - Kaum hat sich der Skandal um die Bilanzmanipulationen und den Konkurs von Enron etwas gelegt, tritt ein weiterer Bilanzskandal bei einer großen US-Gesellschaft zu Tage. Mit offensichtlich falsch ausgewiesenen Gewinnen in Höhe von 3,8 Mrd. Dollar (3,83 Mrd. Euro) übertrifft die Affäre bei WorldCom sogar Enron. Damals waren die Gewinne um "nur" rund 586 Mill. Dollar zu hoch angeben worden.

Mit WorldCom hat sich der zweitgrößte US-Telekomkonzern in die Liste derjenigen Unternehmen eingereiht, die durch angebliche oder tatsächliche Bilanzmanipulationen das Vertrauen in die Wirtschaftsprüfer nachhaltig erschüttert haben. Schon vor den Skandalen über undurchsichtige und gefälschte Bilanzen haftete Wirtschaftsprüfern ein wenig schmeichelhaftes Image an. Sie galten gemeinhin als langweilige Erbsenzähler oder trockene Buchhalter. Dieses Bild hat sich mittlerweile gründlich geändert.

Arthur Andersen auch bei WorldCom tätig

Vor allem die Vorgänge bei Arthur Andersen, wo im Fall Enron tausende Seiten von Dokumenten geschreddert wurden, hat der Branche großen Schaden zugefügt. Auch bei WorldCom war Andersen für die Testierung der Geschäftsausweise verantwortlich. Die Prüfer geben zwar an, dass ihnen Informationen durch den zwischenzeitlich entlassenen WorldCom-Finanzchefs vorenthalten wurden. Das Vertrauen in die Wirtschaftsprüfer und die Ehrlichkeit ihrer Bilanzprüfungen ist aber trotzdem auf einem historischen Tiefststand angekommen. Die Vertrauenskrise hat dabei vor Landesgrenzen keinen Halt gemacht: Händler begründeten damit selbst in Australien Kursverluste.

Dabei spiele es bereits keine Rolle mehr, ob die Vorwürfe wie bei WorldCom erwiesen oder wie beim deutschen Finanzdienstleister MLP unerwiesen sind. Verkauft werde in jedem Fall, weil das Vertrauen in die Seriosität der Unternehmen und die Zuverlässigkeit der Wirtschaftsprüfer zerstört ist. Glaubwürdigkeit und Vertrauen ist derzeit das beherrschende Thema an den Kapitalmärkten mit einem einzigen Tenor: Es fehlt.

Es scheint dabei eher zweifelhaft, ob Vertrauen durch strafrechtliche Schritte wieder hergestellt werden kann. Zwar hat die SEC WorldCom wegen Betrugs verklagt, doch schützt das nicht vor neuen Betrugsfällen. Die SEC ist der Meinung, dass das Management von WorldCom von den Manipulationen wusste oder hätte wissen müssen und fordert nun, dass die Testate persönlich unterzeichnet werden.

Hilflose Geste

Diese Maßnahme erscheint aber als eher hilflose Geste angesichts der massiven Auswirkungen an den Aktien- und Kapitalmärkten. WorldCom, Enron, Tyco, MLP und IBM machen deutlich, dass das Thema Bilanz die Märkte derzeit beherrscht. Die Frage lautet nur, wann weitere Fälle von manipulierten Bilanzen auftauchen und nicht mehr ob. Unter Händlern heißt es: "Alles ist möglich."

Denn während der vergangenen Börsenhausse haben viele Unternehmen riskante Bilanzstrukturen zu Gunsten von Wachstum aufgebaut. Das wurde von den Anlegern damals honoriert, die Kurse stiegen. Heute schauen die Anleger auf das Risiko, und die Unternehmen werden auf Grund genau derjenigen Entscheidungen abgestraft, die damals beliebt waren. Der Markt wartet bangen Blickes auf die nächsten Skandale - und er ist so nervös, dass ihm gleichgültig ist, ob es sich um gesetzlich abgesicherte Praktiken handelt oder um Betrug. Erst wenn wieder längere Zeit Ruhe an der Bilanzfront einkehrt, kann das Vertrauen auch zurückkommen. (APA/vwd)

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    Das Vertrauen in die Seriosität der Unternehmen und die Zuverlässigkeit der Wirtschaftsprüfer ist an den internationalen Finanzmärkten zerstört.

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