Lesbische Liebe am Trapez

27. Juni 2002, 20:36
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Die Künstlerinnen Kris Niklison und Monica Alla erzählen im dieStandard.at- Gespräch über ihr Stück über "die verbotene Liebe"

Die argentinisch- niederländische Künstlerin Kris Niklison trat im Rahmen des Festivals "Wien ist andersrum" mit ihrem Stück "Dilemma" am 26. Juni erstmals in Wien auf. Dabei wird die Liebe thematisiert, das Dilemma einer verbotenen Liebe am Beispiel einer lesbischen Liebe. Mensch kann Liebe leben mit all ihren Vor- und Nachteilen und Verantwortungen oder aber sie vorüberziehen lassen– und es dann bereuen. Das Dilemma des Lebens.

Die im "Cirque du soleil" sozialisierte Kris Niklison ist mit ihren Shows schon rund um die Welt getourt. Sie ist bereits bei Festivals in den USA, Brasilien und Frankreich, sowie in Tunesien, Libanon, Ägypten und Hongkong aufgetreten.

Mit der Künstlerin Kris Niklison und ihrer Kollegin und Capoeira-Spezialistin Monica Alla sprach dieStandard.at- Redakteurin Caroline Ausserer.

dieStandard: Der Auftritt im Rahmen des Festivals "Wien ist andersrum" im dieTheater war euer erster Auftritt in Wien. Wie kam es dazu und wie war das Wiener Publikum?

Kris Niklison: Wir kannten das Festival "Wien ist andersrum" gar nicht, aber ein australischer Kollege hat uns empfohlen und so sind wir hier. Gestern war es unsere 100. Aufführung vom Stück "Dilemma". Das Publikum war sehr herzlich und offen, fanden wir.

dieStandard: Was sich fast alle nach dem Stück fragen, ist: Ist es nun autobiographisch oder fiktiv?

Kris Niklison: Diese Frage haben wir schon etliche Male gestellt bekommen und wir haben entschieden, sie nicht zu beantworten. Wir spielen in dem Stück mit der Vorstellungskraft, der Fantasie der Menschen. Die Leute gehen ins Theater und wissen, sie sehen eine "Lüge", doch gleichzeitig sind sie bei unserem Stück unsicher, ob es nun tatsächlich eine "Lüge" ist oder Realität. Wie kann es dazu kommen? Und: Was ist wahr, was ist Realität?

dieStandard: Hier in Wien weiss frau leider sehr wenig über Kris Niklison und Monika Alla. Könnt ihr etwas über euren "background" erzählen?

Kris Niklison: Ich bin in Argentinien geboren, lebe aber schon 13 Jahre in Amsterdam. Eigentlich bin ich Schauspielerin, habe aber nicht die richtigen Stücke gefunden zum Spielen, also musste ich sie selbst schreiben. Ich begann auch Regie zu führen und selbst zu produzieren, sodann habe ich meine eigene "company" gegründet. Mein Theater ist eine Art "personal theatre": ich bin auch im Stück die, die ich bin.

Monika Alla: Und ich bin aus Brasilien und habe zuerst Capoeira (brasilianische Tanz-Kampfsportart) in London unterrichtet bis ich schließlich auf Kris gestossen bin. Mittlerweile sind wir bei drei Stücken gemeinsam aufgetreten.

dieStandard: Zum Stück: Ist das Theater aus der Akrobatik entstanden oder die Akrobatik aus dem Theater?

Kris Niklison: Es kam gemeinsam, daher ist es so integriert. Ich glaube, wenn Sachen so gut zusammenpassen, ist es immer so, weil sie gemeinsam enstehen. Das Konzept war schon von Beginn an: über Akrobatik - sogenannten "areal technics" - unsere Aussagen zu machen. Die Akrobatik hat hier dramaturgische Aussagekraft.

dieStandard: Wie ist die Idee zum Stück "Dilemma" entstanden?

Kris Niklison: Die Idee ist wie jede Idee im Leben einfach gekommen. Eines Tages wachte ich auf und war gesegnet mit einer Idee. Ich glaube, dass Ideen etwas sind, das mensch nicht sucht, sondern sie kommen einfach, es wurde uns gegeben, es war ein Geschenk. Das ist Kunst, wenn die Idee dich "besucht" und du ihr dann eine Form gibst.

dieStandard: Ist das Stück auch vorstellbar zwischen einem Mann und einer Frau?

Kris Niklison: Ja. Dieses Stück behandelt die Frage, ob du die Konsequenzen übernehmen willst, die eine verbotene Liebe birgt oder ob du sie vorüberziehen läßt... Es geht um jede Liebe, die ein Risiko eingehen muss. Es ist kein "gay-piece", es ist ein Stück über verbotene Liebe. Wir wählten diese Art verbotener Liebe aus: die lesbische Liebe. Aber es hätte genausogut ein Stück über einen alten Mann und einer jungen Frau oder über Rassenunterschede, über Liebe über Distanz, über alles mögliche sein können.

dieStandard: Welche Rolle spielt der Humor in euren Stücken?

Kris Niklison: Humor ist alles. Ohne Humor nimmst du Sachen zu ernst und das Leben zu ernst zu nehmen, ist nicht gesund. Ich liebe Humor, ich hasse Komödien, aber ich liebe Humor. Dieses Stück ist nicht "comedy", aber es beinhaltet guten Humor. Gestern lachte das Publikum zuviel, wir mussten es zurückholen; es ist nicht ein lustiges Stück.

dieStandard: An Seilen hochzuklettern und am Trapez zu zweit zu "turnen", erfordert sicher viel Training. Wie schauts damit aus?

Monika Alla: Ja, wir trainieren täglich. Einmal waren wir etwa drei Wochen nachlässig mit dem Training und da war die Kondition sofort weg. Das ist das Ungerechte: Kondition aufzubauen braucht viel Zeit, aber sie ist innerhalb kürzester Zeit wieder weg.

dieStandard: Nun habt ihr das Stück bereits hundert Mal aufgeführt, wann wird es das letzte Mal sein?

Kris Niklison: Es gibt nie ein letztes Mal. Eines Tages werde ich mir denken, ach, das hab ich schon lange nicht mehr gespielt. Ich will nie wissen, ob es das letzte Mal ist. Nur einmal in meinem Leben habe ich es gewußt und da mußte ich die ganze Nacht weinen...Ich mag Abschiede nicht.

dieStandard: Was sind eure nächsten Projekte?

Kris Niklison: Wir haben gerade unser nächstes Projekt begonnen: unser neues Stück heißt "The Never Lands" und damit werden wir um die Welt touren. Dabei geht es darum, den eigenen Träumen zu folgen. Ist das Leben in deinen Händen oder in den Händen des Schicksals? Wieviel tust du dafür, dass dein Leben so ist, wie du es haben möchtest? Davon handelt es.

dieStandard: Danke für das Gespräch.

Das Stück "The Never Lands" wird im August beim Boulevard Festival in den Niederlanden in Denbosh, sowie beim Cultura Nova Festival in Heerlin (NL) aufgeführt.

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