Vorprogrammierte Kinoerfolge

28. Juni 2002, 11:33
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Feminismus und "falsche Geschlechterverhältnisse" sind bei Filmen "Akzeptanzkiller"

Wien - Auf FilmproduzentInnen kommen herrliche Zeiten zu. "Wenn wir ein Drehbuch und die Besetzungsliste haben, dann sagen wir Ihnen mit einer Wahrscheinlichkeit von 80 Prozent den Erfolg des Endproduktes beim Publikum voraus", behauptet die Universitätsprofessorin Elisabeth Haselauer vom Institut für Soziologie an der Uni Wien nach zwölfjähriger Befassung mit Klassikern und Quotenbringern. Nach Untersuchung zahlreicher Filme glaubt die Filmsoziologin sagen zu können, dass in acht von zehn Fällen der Erfolg vorhersehbar war. Immerhin: Es bleibt ein kleiner Rest, in dem die Kunst (Kameraführung, Licht, Schnitt etc.) punkten kann: "Zwanzig Prozent sind unwägbar", sagte Haselauer, bei einer Pressekonferenz am Mittwoch Vormittag in Wien.

"Alle Filme, die über die Maßen lange am Markt bleiben und hohe Quoten machen, fallen unter den Begriff Gefühlskino, das heißt, sie haben als Thema eine große Love Story", so Haselauer. Dass vieles von dem, was sie mit ihrem Team erarbeitet hat, nicht nach großen Neuigkeiten klingt, ist für die Wissenschafterin normal: "Ich bin überzeugt, dass diese Dinge viele Filmemacher wissen. Wir haben überhaupt keine Erfahrung im Filmemachen. Wir sind Soziologen."

Für die Mittelschicht

Bei der Untersuchung von Klassikern (bzw. Filmen, die von Befragten als solche genannt wurden) wie "Vom Winde verweht", "Doktor Schiwago" oder "Casablanca" und anderen quotenstarken Streifen, glaubt Haselauer einige Kriterien herausgefiltert zu haben: "Zielgruppe ist immer die Mittelschicht", heißt es etwa, und "Es gibt keinen Klassiker ohne Love Story". Das "Undergrounding", das politische, kulturelle, soziale Umfeld des Filmgeschehens "muss exakt recherchiert sein und stimmen". - "In allen Klassikern ist Religion oder ein (mythisch-mystisches) Substitut dafür handlungstragend." Weiters gilt: Es muss in Erfolgsfilmen "konkretes Verhalten" geben, "mit dem sich die Mittelschichten identifizieren können." - Jeder erfolgreiche Film arbeite mit Aufwertungen, Bevorzugungen oder "Streicheleinheiten" für bestimmte Gruppen und verwende transkulturelle Muster (Verhaltensweisen, Archetypen oder Sehnsüchte, die überall existieren).

"Akzeptanzkiller"

All das, meinte Haselauer, sei freilich noch keine Erfolgsgarantie. Es gilt auch, so genannte "Akzeptanzkiller" zu vermeiden. Deren gibt es zahlreiche: "Krankheit als Haupt-Spielmaterial (ist angstauslösend), fremde Kulturkreise (erfordern bewusste Auseinandersetzung), hoher Komplexitätsgrad (erfordert Konzentration), Feminismus (ist auf breiter Ebene unbeliebt), Schicht-Unterschiede im 'falschen' Geschlechterverhältnis (das Mädchen hat z.B. arm zu sein, nicht der Mann), zu hohe Doku-Anteile", sowie "insgesamt: alle Problemfilme". Dazu gilt es bei der Besetzung Folgendes zu beachten: "Jeder 'Klassiker' ist mit wenigstens einer Person besetzt, die zum Zeitpunkt der Erstaufführung bereits ein weltbekannter Star war."

Woran es liegt, dass ihr Institut noch nicht mit Aufträgen der Filmindustrie überhäuft wird, erklärte Haselauer so: "Da bin ich selber schuld, denn ich hab' nie was gesagt. Wir sind noch nicht weit genug, um in die Öffentlichkeit gehen zu können. Es war reine Vorsicht, denn das lernt man im Wissenschaftsbetrieb: Um was sagen zu können, braucht man zweihundert Prozent. Und wir haben noch nicht einmal hundert." (APA)

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