Der Kater nach der Börsenparty

27. Juni 2002, 09:54
4 Postings

Die Anleger wurden von vielen Managern betrogen - und sie betrogen sich selbst - Von Eric Frey

Das Leiden, das derzeit die Weltbörsen heimsucht, ist jedem Partylöwen bekannt: Es ist der unvermeidliche Kater nach der durchfeierten Nacht. Die Neunzigerjahre waren von einer typischen spekulativen Blase geprägt, es war wie die niederländische Tulpenmanie des 17. Jahrhunderts oder der US-Börsenboom vor 1929. Damals wie heute legen intelligente Menschen jede Vernunft beiseite und lassen sich von der Aussicht auf rasche, gigantische Gewinne blenden.

Das Perfide an solchen Blasen ist, dass es gute Gründe für Optimismus gibt. Tatsächlich wurde im letzten Jahrzehnt technologisches Neuland betreten, haben Computer, Telekom und Internet zu einer deutlichen Produktionssteigerung in der gesamten Wirtschaft beigetragen.

Doch diese Fortschritte führen erst allmählich zu höheren Gewinnen. So geduldig sind die Börsianer nicht. Sie wollten die Früchte der New Economy sofort genießen und stellten daher alle Regeln der Unternehmensbewertung auf den Kopf. Junge Internetfirmen wurden mit Millionen bewertet, bevor sie überhaupt einen Cent an Umsatz vorweisen konnten. Solide Wachstumszahlen galten als Enttäuschung, erst ab 20 Prozent waren die Märkte zufrieden.

Aufgeheizte Atmosphäre

In dieser aufgeheizten Atmosphäre wurde Hochstapelei und Scharlatanerie belohnt und die alten Tugenden des Kaufmannes - Vorsicht und Ehrlichkeit - mit schwachen Kursen bestraft. Schlimmer noch: Konzernchefs, die der Bullenshow fernblieben, mussten zusehen, wie ihre Firmen von den neuen Börsenstars aufgekauft wurden.

Einer von ihnen war Bernie Ebbers, der, ausgestattet mit dem Charme eines Gebrauchtwagenhändlers, unzählige alternative Telefonbetreiber aufkaufte und auf Kredit einen Weltkonzern schmiedete. Dass in diesem Unternehmen - wie in Dutzenden anderen - auf Teufel komm raus geschummelt wurde, überrascht wenig. Aber warum ist das den hoch bezahlten Wirtschaftsprüfern, Analysten und Fondsmanagern nicht aufgefallen? In Wirklichkeit haben viele gesehen, dass die neuen Börsenkaiser keine Kleider trugen. Doch wer dies offen sagte, verspielte die Chance, Millionengewinne aus der kollektiven Dummheit zu schlagen. Zyniker unter den Finanzhaien stiegen rechtzeitig aus und verkauften ihre Papiere an kleine Anleger, die erst am Höhepunkt des Börsenbooms einstiegen. Doch viele Profis glaubten der eigenen Propaganda und sind daher genauso auf die Nase gefallen wie die normalen Bürger, die nun ihre Ersparnisse und Pensionen schrumpfen sehen.

Die kleinen Manipulation wuchsen sich zu echten Betrügereien aus, als die Verluste explodierten und die Aktienkurse purzelten. Es ist ein Zeichen der Vernunft dass diese nun aufgedeckt werden.

Seifenblasen

Dass Seifenblasen immer platzen, weiß jedes Kind. Bloß in der Finanzwelt glaubten viele nicht mehr an die Gesetze der Physik, besonders nachdem die scharfen Kursrückgänge von 1987, 1991 und 1997 rasch wieder aufgeholt worden sind. Diesmal ist es anders: Seit Frühjahr 2000 befinden sich die Weltbörsen in einem Seitwärtstrend, der nun zunehmend abwärts zeigt. Das gefährdet auch die Erholung in den USA. Denn die Konsumausgaben blieben nach dem 11. September stabil, weil Anleger hofften, auch die Börsenkrise aussitzen zu können.

Ohne raschen Aufschwung werden aber die Unternehmensgewinne nicht steigen. Auf dieser Erwartung basieren die immer noch hohen Aktienkurse. Auch ohne Betrugsskandale sind die kurz- und mittelfristigen Aussichten für die Börsen daher düster.

Dennoch muss diese Baisse nicht in einer neuen Weltwirtschaftskrise münden. Nach 1929 führte nicht der Börsenkrach, sondern die falsche Reaktion der Regierungen und Notenbanken zum ökonomischen Absturz. Das Platzen einer Blase schafft Raum für kluge Unternehmer, die wissen, dass wirtschaftliche Werte nicht über Nacht geschaffen werden. Und Anleger lernen, dass höhere Gewinne immer nur mit höherem Risiko erkauft werden können. Auch der ärgste Kater geht vorüber. (DER STANDARD, Printausgabe 27.6.2002)

Share if you care.