Gaumen mal Pi

28. Juni 2002, 22:40
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Die Berliner Galerie Zagreus kocht zu allen Spielen der Fußball-WM die entsprechenden Nationalgerichte. Die Fans geben den Köchen Noten. Das Ergebnis ist mindestens so gerecht wie das Resultat des Finale. Bert Rebhandl stimmte mit

"Komm' besser rechtzeitig, es wird eng." Die Nachricht auf der Mailbox war kurz und vielversprechend. "Ich weiß 'nen Ort, wo man prima Fußball sehen kann. Zu essen gibt's auch." Eine Stunde vor dem Anpfiff des WM-Viertelfinales zwischen Deutschland und den USA ist die Berliner Galerie Zagreus gesteckt voll. Die meisten Gäste sind seit dem Morgen da, als England gegen Brasilien unrühmlich verlor. Sie haben schon Trauerarbeit geleistet.

Zagreus liegt in einem Hinterhof der Schröderstraße im Bezirk Prenzlauer Berg. Das Publikum rekrutiert sich aus der Berliner Boheme, für die das Viertel ein Rückzugsgebiet aus Mitte geworden ist. Es ist eine Gegend, in der die Kunst den Alltag durchwirkt, in der Selbstinszenierung das wichtigste Gebot ist, und in der niemand kein Projekt laufen hat. In den beiden winzigen Räumen der Galerie sind zahlreiche Bildschirme zu einer Videoinstallation aufgebaut, die ein interessantes Echo produziert: Auf manchen Geräten läuft ZDF, auf den restlichen die Übertragung von Premiere.

Beim ZDF kommentiert Johannes "Hanswurst" B. Kerner. Er ist unbeliebt, weil er recht salbungsvoll redet. "Der hat doch Königsberger Klopse im Hals." Das Signal von Premiere kommt über Satellit mit ungefähr drei Sekunden Verspätung, deswegen läuft die Erregung wie eine Welle durch das Publikum, das sich in der vergangenen drei Wochen gut eingelebt hat bei Zagreus.

Die Galerie hat während der Weltmeisterschaft auf Vollpension umgestellt, sie bietet den Besuchern zu jedem Spiel auch ein WM-Menü, bei dem zwei Köche aus dem Umfeld der Künstler mit Gerichten gegeneinander antreten, die für die Länder typisch sind, die gerade gegeneinander spielen. Heute wurde eine einfache Variante gewählt: Deutschland gegen USA, das bedeutet auf dem Teller Frankfurter gegen Hamburger.

Das Fast Food ist von ansprechender Qualität, die Buletten sind, weil aus eigener Produktion, besser als die Würstel, die Krönung des Gerichts ist aber dessen Sättigungsbeilage, ein vorzüglicher Kartoffelsalat. An der Wand, die zur Küche führt, sind die Ergebnisse der vergangenen Tage mit Bleistift notiert: Frankreich gegen Senegal 11 : 7. Brasilien gegen Türkei 10 : 12. Südkorea gegen Polen 14 : 9. Es sind die Resultate des "Kochduells", die hier verzeichnet sind.

Nach jedem Spiel darf das Publikum bei Zagreus abstimmen, welches Gericht den Sieg über das andere davongetragen hat. Die beiden Herren in der sehr professionell ausgestatteten Küche liegen nach drei Wochen Kopf an Kopf, noch konnte sich keiner entscheidend absetzen. Was gab es denn bei Südkorea gegen Polen? "Ach, was Einfaches. Kimchi und irgendwas mit Sauerkraut." Der Koch trägt ein T-Shirt, auf dem ein Fußballergebnis zu lesen ist. 1 : 1. Die Einserziffern kehren einander den Rücken zu, wie vor einem Duell.

Während Deutschland durch Ballack in Führung geht und die Amerikaner gegen das Tor von Kahn anrennen, köchelt hinten ein Risotto nero. Nach dem Spiel ist bei Zagreus nicht vor dem Spiel. Nach dem Spiel, wenn die Wetten abgerechnet sind und das Kochduell entschieden ist, gelten wieder die ewigen Präferenzen des Gaumens, und die italienische Küche ist nun einmal unabsteigbar. Während sich die meisten Fans bereits verlaufen haben, kommt der Siegerkoch mit einem Espresso aus der Küche und setzt sich zum harten Kern der Fußballexperten.

Für ihn, den Küchenamerikaner, war es ein leichter Sieg. Der Würstelkoch hat an diesem Tag für die Ehre gearbeitet, weil sein Kartoffelsalat außer Konkurrenz lief. Die Frankfurter Würstel sind nun einmal schwer zu kombinieren, da hängt alles von der Ware und vom Senf ab, und es darf unter keinen Umständen ein Bauernschmaus werden. Der Hamburger hingegen tut sich leicht mit deutschen Vorlieben, stammt er doch vom Hackepeter ab.

Tags darauf liegt Zagreus für ein paar Stunden am Rande der Welt, denn nach dem Sieg der Türkei im Viertelfinale steht Kreuzberg kopf. Plötzlich erscheint ein WM-Finale möglich, das beim Kochduell nach einem torlosen Unentschieden riecht: Saumagen gegen Döner Kebab. "Das passt doch viel besser zum Spiel um Platz 3." Die ersten Wetten werden darauf abgeschlossen. Für heute hat die Küche geschlossen, ein Großeinkauf steht an.

Wenn Südkorea ins Finale kommt, reicht ein einfaches Kimchi nicht mehr aus, und für das Brasilienspiel braucht es Bohnen. Die letzten Gäste sitzen neben einem leeren Kühlschrank: "Ich hol' mal ein paar Flaschen Bürgerbräu von Spätkauf." (derStandard/rondo/28/06/02)

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