"Es herrscht Frustration bei den Forschern"

26. Juni 2002, 19:57
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Der Schweizer Molekularbiologe Max Birnstiel im STANDARD-Interview

STANDARD: Sie haben 1986 das Institut für molekulare Pathologie gegründet. Wie haben Sie damals die Forschungslandschaft hierzulande erlebt?

Max Birnstiel: Die österreichische Forschung auf dem Gebiet der Biomedizin war Mitte der 80er-Jahre nicht auf der Höhe der Zeit. Die Institutsgründung erfolgte auch in der Absicht, diese Situation zu verbessern. Und das ist gelungen, heute hat Österreich internationalen Standard.

STANDARD: Warum gibt es dann Kritik, es werde zu wenig Geld für Forschung ausgegeben?

Birnstiel: Die gibt es auch zu Recht. Es ist schon besser geworden, aber man hat noch immer nicht den Stand erreicht wie etwa die Schweiz oder Schweden, zwei andere, relativ kleine Länder. Deshalb herrscht eine gewisse Frustration bei den Forschern.

STANDARD: Warum kommt in diesen Ländern mehr Unterstützung vom Staat?

Birnstiel: Das hat Tradition. Dort gibt es Pharmariesen, die darauf schauen, dass die finanziellen Mittel auch hier fließen und Druck machen. Die gibt es in Österreich nicht. Hier sind nur kleine Ableger zu finden.

STANDARD: Ist der österreichische Staat aus Sicht eines Forschers etwa zu vorsichtig, was die Biotechnologie betrifft?

Birnstiel: Hier braucht man immer eine gewisse Anlaufzeit. Man schaut, was in Deutschland passiert, was überhaupt in Europa passiert. Und wartet ab. Bei der Stammzellenforschung ist das ähnlich. Wenn wir nach England schauen: Die sind sehr liberal. Vielleicht wird man hierzulande sogar einmal diese Bedingungen akzeptieren.

STANDARD: Aber ist das denn so wünschenswert?

Birnstiel: Es ist richtig, vorsichtig zu sein. Man sollte die Stammzellenforschung trotzdem auch ausreichend unterstützen. Es ist eines jener Gebiete, wo viele Versprechen gemacht wurden und noch einzulösen sind. Es ist nicht ganz sicher, dass alles realisiert werden kann.

STANDARD: Aber? Haben Sie nun ethische Bedenken?

Birnstiel: Ich habe sie, aber nur in einem Bereich. Und zwar bei der "therapeutischen Klonierung", wenn es also darum geht, Stammzellen aus Embryonen zu erzeugen, die man spezifisch für eine Person hergestellt hat. Was anderes ist die Verwendung von Embryonen, die sowieso absterben würden.

STANDARD: Wie bewerten sie die Entdeckung, adulte Stammzellen seien ebenso verwertbar wie embryonale?

Birnstiel: Das ist für mich noch nicht ganz klar. Ich habe Bedenken, dass die adulten Stammzellen aus dem Knochenmark letztlich nicht das sind, was man sich wünscht. Ich glaube, dass sie schon ausdifferenzierter sind. Und dass man auf die embryonalen zurückgreifen muss. Jetzt zu sagen, dass man mit der Zurückhaltung gegenüber embryonaler Stammzellenforschung insgesamt Recht gehabt hat, wie das zu hören war, wäre doch verfrüht.

STANDARD: Ein Blick in die österreichische Zukunft?

Birnstiel: Man muss aufpassen, nicht den Anschluss zu verlieren. Dazu ist auch wichtig, die Ausbildungssituation zu beachten. Da hat das Land doch Nachholbedarf. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27. 6. 2002)

Der Schweizer Molekularbiologe Max Birnstiel gilt als einer der Gründerväter des Biotech-Standortes Österreich. Mit Peter Illetschko sprach er über Forschungsdrang, finanzielle Lücken und ethische Bedenken.
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