"Ultimativ" ist zu wenig

26. Juni 2002, 19:55
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Der Stammzellen-Fund, der vergangene Woche auf großes Medienecho stieß, nährt die Hoffnung, ohne die aus ethischen Gründen umstrittenen Embryo-Stammzellen auszukommen. Und ohne "therapeutisches Klonen", quasi das Züchten von Ersatzteil-Embryos. Denn die von Catherine Verfaillie von der Uni von Minnesota nun im Online-Nature beschriebene Knochenmarkzelle von Nagetieren bewies, wie berichtet, die für Embryozellen typische Fähigkeit, sich in verschiedenste, wenn nicht alle Körperzellenarten zu spezialisieren.

Das ist zwar keineswegs, wie vielfach fälschlich behauptet, die erste adulte Zelle mit solchen Fähigkeiten. Verfaillie selbst hat vor Monaten schon Ähnliches publiziert - DER STANDARD berichtete -, der Hype blieb damals aus.

Diese adulte Vorläufer- oder Stammzellenart (multipotent adult progenitor cell, MAPC) ist dennoch bemerkenswert. Denn sie zeigte auch nach 80 Zellteilungen keinerlei Hang zur Tumorbildung, einer der großen ungelösten Fragen im Umgang mit Embryozellen.

Dennoch sind MAPCs keine volle Alternative zu Embryonalzellen - aus zwei Gründen: An Embryozellen, so der Tenor der vom STANDARD befragten heimischen Stammzellen-Experten, könne man, Numero eins, anderes studieren als an adulten, "die Ursignale" der Menschenentwicklung etwa, wie der Hämatologe Werner Linkesch meint. Der Grazer wurde mit einer Transfusion adulter Zellen bekannt, mit der er eine Blutkrebspatientin inzwischen "190 Tage absolut leukämiefrei" hält.

Der zweite Grund macht die von manchen zum Zorn des Wiener Stammzellenforschers Reginald Bittner schon herbei geschriebenen Ersatzorgane aus MAPCs unwahrscheinlich: die dafür mutmaßlich erforderliche Menge. "Die von Verfaillie beschriebene Zelle ist sehr selten, der große Durchbruch ist es natürlich nicht", sagt auch Alfred Kocher, Stammzellenforscher am Wiener AKH und an der New Yorker Columbia. Man müsste die als "ultimative Stammzelle" Gefeierte im Labor milliardenfach vermehren. Dem gegenüber steht das unangenehme Faktum, dass viel leichter viel mehr embryonale Zellen gewonnen werden können: aus Abtreibungs-"Material", aus "überzähligen", weil nicht eingepflanzten In-vitro-Embryonen. Dazu kommen bereits bestehende Zelllinien aus ihnen. Allen Embryozellen gemeinsam ist die Fähigkeit, dass sie zumindest sehr lange in Kultur vermehrt werden können. Ob dies ad infinitum möglich ist, wie Verfaillie voraussetzt, darf freilich bezweifelt werden. Fest steht, dass sich das Mengenproblem hier nicht stellt. Und dass derlei Vermehrungsfreude bei adulten Zellen erst zu zeigen ist. (Roland Schönbauer/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27. 6. 2002)

Eine adulte Stammzelle zeigte kürzlich ähnlich viele Spezialisierungen wie Embryozellen. Voller Ersatz, somit Lösung des Ethikdilemmas, ist sie aber nicht.
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