Aus großer Höhe abgestürzt: Bernard Ebbers, Gründer des WorldCom-Konzern

27. Juni 2002, 19:17
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Das bittere Ende eines US-Symbols

Der Gründer und Chef des zweitgrößten US-Telekommunikationskonzerns Worldcom, Bernard Ebbers (61), trat bereits Ende April zurück. Als Gründe wurden hohe Kursverluste und ein persönlicher Kredit von Worldcom an Ebbers in Höhe von 375 Millionen Dollar (378,6 Mio. EURO) genannt.

Der bärtige, hemdsärmelige Kanadier Ebbers machte eine Bilderbuchkarriere und wurde in seiner Glanzzeit gar mit Microsoft-Gründer Bill Gates verglichen. Die Analysten liebten das Mitglied der christlichen Männervereinigung Promise, das sich von Worldcom allein im Vorjahr 34,6 Millionen Dollar auszahlen ließ. Er tat das, wovon die meisten seriösen Manager Abstand nehmen: Er kaufte in den vergangenen Jahren rund 60 Unternehmen und häufte dabei einen Schuldenberg von mehr als 30 Milliarden Dollar an. Für Analysten galt er dennoch als "Gott der Wall Street". Er wurde zur neuen Symbolfigur des amerikanischen Traums.

Nach dem Schulabschluss 1967 arbeitete Ebbers zunächst als Milchmann in seiner Heimatstadt Edmonton, bevor er zum Studium in die USA ging. Von einem Baptisten-College in Clinton in Mississippi wurde dem 1,96 Meter großen Ebbers ein Basketball-Stipendium angeboten. 1974 startete er eine - erfolglose - Karriere als Hotelmanager.

Entscheidende Zäsur

1983 kam die entscheidende Zäsur im Leben Ebbers, der heute am liebsten auf seiner Sojabohnen- und Rinderfarm Traktor fährt. Damals gründete er zusammen mit drei Kompagnons in einem Schnellimbiss in Clinton die Firma Long Distance Discount Service (LDDS). Den Namen der Firma mit Sitz in der abgelegenen Mississippi-Hauptstadt Jackson gab übrigens die Kellnerin. Ebbers war ursprünglich nur Investor, wurde im April 1985 selbst Präsident der Firma, da das Unternehmen in die erste Krise schlitterte. 1995 wurde aus der LDDS Worldcom und Ebbers zum Star. Er baute in nur 15 Jahren das Start-up-Unternehmen durch aggressive Akquisitionen zu einem der größten internationalen Telefonkonzerne mit einem Jahresumsatz von über 40 Milliarden Dollar um.

Während im Jahr 1998 der Erwerb des Mitbewerbers MCI um 47 Milliarden Dollar durch Aktientausch noch durchging, scheiterte 1999 der Versuch, sich um 129 Milliarden Dollar den drittgrößten US-Long-Distance-Anbieter, Sprint, einzuverleiben, an den Wettbewerbsbehörden.

Seit Ebbers Rücktritt ermittelt die US-Börsenaufsicht SEC wegen Unregelmäßigkeiten bei der Bilanzierung der zahlreichen Übernahmen. Vielleicht aber hätte es auch geholfen, wenn man Ebbers schon früher beim Wort genommen hätte. Ein viel zitierte Satz von ihm lautet: "Mir hat es geholfen, dass ich von vielem, was in dieser Branche vorgeht, nichts verstehe." (Claudia Ruff, DER STANDARD, Printausgabe 27.6.2002)

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