Zwei tödliche Geschichten

26. Juni 2002, 19:27
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US-Politologe beleuchtet Psychologie der Nahostverhandlungen

Wien/Jerusalem - Wenn zwei dieselbe Geschichte erzählen sollen, ist das Ergebnis meist recht unterschiedlich. Im Nahostkonflikt hat dies tödliche Folgen: "Deadly narratives" nennt der US-Politologe Herbert C. Kelman, einer der renommiertesten Vertreter der politischen Psychologie, die Darstellungen, die Israelis und Palästinenser von den Verhandlungen über eine Friedensordnung geben, die mit dem Oslo-Abkommen 1993 begannen und in Taba im Jänner 2001 ihr vorläufiges Ende fanden.

Kelmans Vorwurf an die Akteure auf beiden Seiten, den er am Dienstag bei einem Vortrag beim Österreichischen Institut für Internationale Politik wieder formulierte, lautet: Yassir Arafat ebenso wie die israelischen Regierungschefs, mit denen er verhandelte - Yitzhak Rabin und Ehud Barak -, haben sich stets gescheut, ihr Volk auf die Konsequenzen eines Friedensvertrags vorzubereiten; das heißt, das definitive Ende der jüdischen Siedlungen für die Israelis, der Verzicht auf die Rückkehr der Flüchtlinge für die Palästinenser.

Arafat und seine israelischen Verhandlungspartner hätten sich stattdessen aus Misstrauen und Furcht, die Unterstützung im Volk zu verlieren, stets eine Hintertür offen gelassen: der eine die Option für die Wiederaufnahme des bewaffneten Kampfs, die anderen die Wiederbesetzung. Die Folge, so Kelman, war eine tödliche Spirale - was dem einen positiv und großzügig schien, war für den anderen ein Beweis des Unwillens für Verhandlungen. Kelman demonstrierte den Faktor Psychologie auch an der Nahostrede von US-Präsident Bush. Bush habe die Idee eines palästinensischen Staates akzeptiert, doch nicht, was dafür nötig sei: die Anerkennung einer nationalen Identität der Palästinenser und ihrer Rechte. (mab/DER STANDARD, Printausgabe, 27.6.2002)

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