Fleck-Kontrolle für Lehrer

27. Juni 2002, 10:44
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Britische Lehrer schwindeln, damit die Schule im Vergleich gut abschneidet - Ein Ranking nach guten oder schlechten Noten gibt es in Österreich nicht

Wie viele Fünfer dürfen pro Fach und Klasse im Zeugnis stehen, bevor der Lehrer als gescheitert gilt? - Eine Art "Numerus clausus gibt es nicht", sagt Manfred Driza, Direktor des Gymnasiums Erlgasse in Wien-Meidling. Anders als in Großbritannien wird auf die soziale Umgebung einer Schule Rücksicht genommen. Es gibt keine nationalen Ranglisten. Die Evaluierung der Leistungsentwicklung obliegt weitgehend der Schulleitung und ist individuell vorzunehmen - die Schulaufsicht tritt nur bei Auffälligkeiten auf den Plan.

"Natürlich wäre es verwunderlich, wenn über die Hälfte einer Klasse völlig überraschend ein Nicht genügend im Mathematik-Jahreszeugnis haben", sagt AHS-Direktor Driza, "aber so etwas kann ja nicht aus heiterem Himmel passieren, da die Leistungsentwicklung im Laufe des Jahres an den Schularbeitsnoten ersichtlich ist." Die Durchführung des staatlich vorgegebenen Lehrplans ist aus dem Unterrichtsplan des Lehrers, der durchgenommene Stoff, der bei Schularbeiten und Tests geprüft wird, aus dem Klassenbuch zu entnehmen.

Hat über die Hälfte der Klasse einen Fünfer, wird die Schularbeit wiederholt. Kommt das öfters vor, muss der Lehrer Einblick in den Prüfungsstoff gewähren. Die Schulleitung stellt dadurch fest, ob entweder die Fragen zu schwierig waren, oder aber das Problem bei den Schülern liegt. "Eine Schularbeit kann der einen Klasse sehr schwer fallen, während die Parallelklasse kein Problem damit hat", illustriert Driza.

"Man muss immer die Gesamtsituation betrachten", findet Gustav Breyer, Landesschulinspektor der Stadt Wien für AHS: "Wenn in einer Klasse, die sonst überall ganz gut ist, in einem Fach 20 von 32 Schülern ein Nicht genügend haben, dann kann es auch sein, dass diese Lehrerin die einzige ist, die noch etwas verlangt."

Was aber, wenn eine Lehrkraft tatsächlich seine Dienstpflicht vernachlässigt, indem sie den Stoff schlecht vermittelt oder schlicht und einfach ungeeignet ist für den Beruf? "Theoretisch könnte man sie kündigen", sagt Breyer, wenn sie nach zwei Ermahnungen ihre Praxis nicht verbessert hat. Die Vorwürfe gegen einen Lehrer müssen jedoch "hieb- und stichfest" sein. Während pragmatisierte Lehrer bei Fehlverhalten ihren Job verlieren, sei es bei Vertragsbediensteten "wie in der Privatwirtschaft", sagt Breyer, und fügt hinzu: "Was glauben Sie, wie viele Arbeitsgerichtsprozesse die Republik Österreich hier schon verloren hat?"

Allgemeine Standards zur Leistungsbemessung gibt es in Österreich derzeit noch nicht. In Deutschland liegt dagegen nun ein Bundesländer-Vergleich der so genannten Pisa-Studie vor. Die Erfolge der Schulen in den einzelnen Ländern (Zahl der Maturanten, soziale Integration beispielsweise) sind derart unterschiedlich, dass beinahe von einem nationalen Bildungsnotstand gesprochen wird. (Eva Stanzl/DER STANDARD, Printausgabe 27.06.2002)

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