Das Virus-Gen zum Schweigen bringen

26. Juni 2002, 19:14
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Neuer, überraschender Ansatz gegen HI-Virus und Polio

San Francisco/Worcester/Wien - "Es war überraschend, dass Viren so empfindlich sind." Raul Andino, Mikrobiologe der University of California, kann es noch kaum fassen: "gene silencing", das temporäre Stilllegen von Teilen des Genoms, lässt sich auch bei jenem von Krankheitserregern provozieren. "Wir hätten gedacht", sagt Andino zum STANDARD, "dass die Viren im Lauf der Evolution unbesiegbar wurden gegen die meisten Abwehrsysteme von Gastorganismen."

Pflanzen-, aber auch Tierzellen besitzen diesen Mechanismus. Andinos Gruppe konnte nun an menschlichen und Nagerzellen, die mit Sequenzen der Geninformation RNA verändert worden waren, eine bessere Abwehr gegen das Poliovirus erreichen. Damit haben die Forscher nun auch eine Erklärung für bisher unverstandene immunologische Beobachtungen, denen zufolge Zellen auch bei massivem Virenangriff überlebten.

Ein anderes Forscherteam an der University of Massachusetts konnte Ähnliches durch Manipulation bestimmter Regionen im Genom des HI-Virus erzielen. Das Schweigen der Gene könnte sich "zu einer zielgerichteten Präzisionswaffe" (Andino) ausbauen lassen, wenn kurze RNA-Sequenzen punktgenau das Virengenom lahm legen könnten. "Das wird nicht sehr einfach werden", gesteht Andino, "wegen der hohen Verformbarkeit der Genome von Viren." (rosch/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27. 6. 2002)

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