"Freudenexplosion" in Brasilien

26. Juni 2002, 18:49
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"Deutschland kann kein Gegner sein" - Kahn sei zwar "ständig schlecht gelaunt, aber der beste Torwart der Welt"

Rio de Janeiro - Der Einzug ins Finale der Fußball-WM gegen Deutschland hat in Brasilien eine "Freudenexplosion" ausgelöst. "Überall hat sich am Mittwoch nach dem Abpfiff die Anspannung in einer Explosion von Freudenschreien, Tanzen und Lachen entladen, es war Volksfest", so die Zeitung "Folha". Nach dem 1:0-Erfolg der Südamerikaner über die Türkei liefen Hunderttausende vormittags gegen 10:30 Uhr aus Restaurants, Kneipen und Büros auf die Straßen. In Rio und Sao Paulo wurde von Balkonen und Bürofenstern herunter immer wieder "Brasil" und, in Anspielung auf den erhofften fünften WM-Titel, "Penta, Penta" geschrien.

Wirtschaftskrise ?

Die vorwiegend in den Landesfarben gelb und grün gekleideten Fans feierten mit Trommeln, Trillerpfeifen, Tröten und Samba-Schritten. In Sao Paulo bildete sich auf der Hauptavenue Paulista ein kilometerlanger Stau, während sich am Copacabana-Strand in Rio Menschen begeistert in die Arme fielen. In Nobelvierteln und Slums wurden Feuerwerke abgeschossen. "Ich müsste jetzt eigentlich zur Arbeit, aber heute bleiben wohl alle Büros leer", meinte ein junger Bote in Sao Paulo, wo die größte Börse Lateinamerikas wegen des Spiels erst am Nachmittag öffnen wollte. "Die Wirtschaftskrise interessiert heute niemanden", beteuerte ein Aktienhändler.

Die Straßen der Großstädte des Landes waren während des Spiels wie leer gefegt gewesen. Die meisten Menschen verfolgten das Spiel gegen die Türkei zu Hause oder im Büro, in Restaurants oder Kneipen. "Es war zwei Stunden lang alles still und leise, Brasilien saß Nägel kauend vor dem Bildschirm", meinte ein Radio-Kommentator. Die TV-Übertragung erreichte einen Einschaltquoten-Rekord von 90 Prozent. Größere Menschenansammlungen sahen das Spiel in den Übungshallen der Karneval-Vereine, sowie auf der Hauptstraße des Rio-Slums Bento Ribeiro, wo Sturmstar Ronaldo geboren wurde.

In der Kleinstadt Lagoa de Prata im Bundesland Minas fuhren die Autokolonnen unterdessen hupend am Geburtshaus von Lokalmatador Gilberto Silva, dem jungen defensiven Mittelfeldmann der "Selecao", vorbei. Gilbertos Vater Nizio meinte, was die meisten Brasilianer jetzt denken: "Und am Sonntag feiern wir den Titel, Deutschland kann doch kein Gegner sein, wir müssen nur die Hausaufgaben gut machen".

"Rivaldo gegen Kahn"

Für die Zeitung "Estado", die das "deutlich überlegene" Spiel der Brasilianer gegen die Türkei würdigte, kann das Endspiel auf das Duell "Rivaldo gegen Kahn" reduziert werden. "Da entscheidet es sich auch, wer der beste Spieler dieser WM wird", heißt es. Kahn sei zwar "ständig schlecht gelaunt, aber der beste Torwart der Welt". "Estado" meinte, der Finalgegner Deutschland sei "gegen jede Voraussicht" so weit gekommen. Kahn und die Abwehr hätten Deutschland "ins Finale gezerrt".

Mit dem eigenen Team waren die Medien auch nicht ganz unkritisch. "Eine Einzelleistung von Ronaldo hat uns in das Endspiel gebracht", schrieb "Estado". (APA/dpa)

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