"Kreativität kann sich niemand leisten"

26. Juni 2002, 17:27
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Consultant Booz, Allen & Hamilton erwartet keinen Riesenschock in Europa

Wien - "Das ist natürlich ein sehr böses Foul, der Schaden für die Branche ist möglicherweise unermesslich." Christian Fongern, Telekom- und Technologie-Consultant beim weltweit tätigen Berater Booz, Allen & Hamilton (BAH), betrachtet den Finanzskandal bei WorldCom mit Argusaugen. Zwar habe der Fall WorldCom nichts Spezifisches mit der Telekombranche zu tun, psychologisch könnte sich die "Kreativität in der Bilanzgestaltung" für die ohnehin krisengeschüttelte Technobranche allerdings dennoch verheerend auswirken. "Besondere Kreativität kann sich einfach niemand leisten", meint Fongern.

Kursverluste "weitgehend absorbiert"

Die Kursverluste und Kosteneinbußen bei Infotechnologieaktien hält Fongern hingegen für "weitgehend absorbiert", schwere Schocks erwartet er - zumindest in Europa - eher nicht mehr. Aber: Die Causa WorldCom werde für die Wirtschaftsprüfer grundsätzlich Anlass für genauere Prüfungen und eine restriktivere Vergabe von Testaten sein. Ob es in der Technoszene, angeheizt durch die Euphorie an den Börsen, mehr schwarze Schafe gebe als in anderen Branchen? "Eher nicht", glaubt der für Europa zuständige BAH-Mann. Denn buchhalterische Tricks würden sich immer rächen: "Der Schaden kommt dann halt erst zeitverzögert. Aber er kommt sicher."

"Marktbereinigung"

Insgesamt ordnen Branchenkenner die Affäre WorldCom eher in die Kategorie "Marktbereinigung" ein. Die Kursfeuerwerke an den Börsen seien in keinem Verhältnis mehr zum tatsächlichen Marktwachstum gestanden, und mit dem Konjunkturrückgang sei - überspitzt formuliert - auch noch das Geschäft eingebrochen. Übrig blieben Bilanzen, die Anleger und Aktionäre enttäuschten.

Dennoch sei die Liberalisierung der Märkte prinzipiell freilich richtig gewesen, sie habe in Europa einen einheitlichen Markt geschaffen. Jetzt sei eben die Überhitzung am Abkühlen. Die Zahl der Anbieter schrumpft.

"Baby Bells"

Zur Erinnerung: Bis weit in die Achtzigerjahre hinein kontrollierten die meisten Länder das lokale Fernmeldewesen streng - die Preise waren hoch und das Angebot mickrig. Erst vor zwanzig Jahren deregulierten die USA die Telekommunikation mit der Zerschlagung von AT&T. Damals teilten die US-Politiker den amerikanischen Telefongiganten in die Bereiche Orts- und Ferngespräche auf. Innerhalb von nur zwei Jahren musste sich der ehemalige Monopolist von 22 Telefongesellschaften trennen: Die so genannten "Baby Bells" entstanden und machten sich auf die Suche nach neuen Einnahmequellen im In- und Ausland.

Großbritannien (1984), Japan und Deutschland (1989) folgten, die gesamte EU erst 1998. Zwölf Jahre später liegt kein Stein auf dem anderen: Die Deutsche Telekom wurde in wenigen Jahren zu einem Weltkonzern, ebenso France Télécom und Telefónica. Mit Finanzproblemen kämpfen alle, denn das Kerngeschäft Festnetz wurde vom investitionsintensiven Mobilfunk zum Teil kannibalisiert. (Luise Ungerboeck, DER STANDARD, Printausgabe 27.6.2002)

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