Beide Wahrheiten sind ein Witz

26. Juni 2002, 17:14
7 Postings

Die Nahost-Narrative und ihre Absorption - eine Analyse von Gudrun Harrer

Die "Wahrheit" sollen Journalisten schreiben und Politiker sagen, einfach die Wahrheit. "Israel wird weiter Opfer von Terror sein, und deshalb wird sich Israel weiter verteidigen", sagte US-Präsident George Bush, in seiner programmatischen Nahost-Rede. Das ist die Wahrheit. "Von dort wird geschossen (aus dem jüdischen Gilo auf die Palästinenser), von dort können in jeder Nacht Tod und Zerstörung kommen" - das schreibt die österreichische Publizistin Dolores Bauer in ihrem neuen Buch. Auch das ist wahr.

Gewalt bei Arabern "genetisch"?

Und doch schließt die eine Wahrheit die andere aus, nur wenige Leute werden gegen beide protestieren. Terror und Verteidigung: Ist Gewalt bei den Arabern wirklich "genetisch", wie es ein israelischer Offizieller kürzlich vor österreichischen Journalisten gesagt hat (wenige haben es publiziert, es war einfach zu peinlich)? Oder hat der Terror neben der ursprünglichen Ablehnung der jüdischen Wiederbesiedlung des Landes auch noch eine Geschichte von Vertreibung, Enteignung von Land und Wasser, Erniedrigung, Israel nicht nur aufgezwungener, sondern religiös oder militärisch gerechtfertigter Besetzung, die Geschichte eines - durch das Versagen beider - gescheiterten Friedensprozesses? Ist alles, was Israel tut - und unterlässt, wie die Öffnung von Jenin zur Hilfeleistung - Verteidigung?

Aus Jux und Tollerei

Und, andererseits, schießen die Israelis aus Gilo aus Jux und Tollerei herüber, oder eben, weil es von den palästinensischen Extremisten systematisch angegriffen wird, mit dem Hintergedanken, dass es bei einer israelischen Reaktion gegen das Christengebiet, aus dem die Palästinenser zu feuern pflegen, internationale Empörung gibt?

Es sind zwei Seiten einer Medaille, die totale Übernahme des israelischen Narrativs durch die US-Regierung (inklusive etwas Mitleid für das - selbst verschuldete - Elend der Palästinenser) und die für Europa so typische einseitige propalästinensische Betroffenheitsliteratur mit hohem Anspruch: Man will ja nur Frieden für beide Völker. Für Bush sind die Palästinenser "schuld"; in Dolores Bauers Buch Israel/Palästina (Edition Va Bene) sind jedoch die Schuldigen noch ein bisschen schuldiger, denn sie müssten es besser wissen, wie man aus dem Untertitel Wenn aus Opfern Täter werden erfährt. "Gerade in einer Zeit, in der allüberall von Entschädigung (...) die Rede ist ..." etc. "Gerade dieses Volk, dem so viel Leid angetan wurde, müsste aber wissen ..." etc.

Ist vielleicht das genetisch? Wann werden wir je unser assoziatives Repertoire in den Griff bekommen? Dabei sind Bauers Vorwürfe an Israel, den Konflikt betreffend, unbestreitbar, bestens untermauert, jeder, der einmal israelische Soldaten an einem Checkpoint mit - unschuldigen, wie es im israelischen Terrorkontext immer heißt - palästinensischen Zivilisten umgehen gesehen hat (und das vor der jetzigen wahnsinnigen Situation), wird ihr zustimmen. Aber eines "stimmt" eben nicht, nämlich der paradigmatische Satz "So etwas gab es doch schon einmal".

Das Verschweigen

Es gibt alles nur einmal, und alles wiederholt sich, und wenn man der Meinung ist, dass die Palästinenser das Recht haben, Gilo - das selbstverständlich, wie Bauer sagt, völkerrechtlich eine jüdische Siedlung im Westjordanland ist und kein "jüdischer Bezirk in Ostjerusalem", wie es nach israelischer Diktion heißt - anzugreifen, dann sollte man den Mut haben, es zu sagen. Wenn man dagegen ist, sollte man es auch sagen. Aber einfach verschweigen, dass die Palästinenser Gilo angreifen - das schaut verdammt genetisch aus.

Weil es "zumindest für einen österreichischen Journalisten ... nicht einfach (ist), über die israelische Politik zu berichten", hat sich die Autorin nach eigener Aussage ja "für einige Jahre der Israel-Abstinenz befleißigt". "Bei jedem kritischen Satz geriet man in den Verdacht des Antisemitismus." Ja, das ist hart.

Aber hart ist es auch, das Ziel des palästinensischen Widerstands nach der isralischen Staatsgründung so zu formulieren: Sie wollten ihre "Unabhängigkeit erreichen und einen eigenen Staat Palästina aufbauen". Gewiss, es ist ein Zitat, aber einem Autor, einer Autorin, ist es erlaubt, Zitate zu kommentieren, nämlich in dem Sinne, dass die Palästinenser einen "eigenen Staat Palästina" nicht neben, sondern anstelle von Israel wollten.

Keine Analyse wert

Nicht nur Dolores Bauer, auch wir lieben die Vernünftigen. Auf der israelischen Seite sind das die Friedensbewegten, auf der palästinensischen detto. Eigenartig, dass die "guten" Israelis (im Gegensatz zum "hässlichen Israeli") eine hoch interessante kritische Analyse der israelischen Verfasstheit (der arabische "Feind" als integrativer Faktor in der disparaten jüdischen Gesellschaft) für das Buch liefern, während von den Palästinensern nichts dergleichen kommt. Keine Darstellung des palästinensischen Nationalismus, des religiösen Radikalismus, "hässliche Palästinenser" gibt es in der zeitlichen Abfolge höchstens als Reaktion auf die Verhältnisse.

Natürlich, "hier müssen auch kritische Fragen an die palästinensische Seite erlaubt sein", kommt dann aus dem Mund eines vernünftigen Israelis. Es folgen drei Fragen, ein halber Absatz. Genau so lange ist der - rein hypothetische - Forderungskatalog, den Bush an Israel gestellt hat. Beides ist ein Witz. (DER STANDARD, Printausgabe, 26.6.2002)

Share if you care.