Fit für mehr Europa: Mit den Nachbarn reden lernen

28. Juni 2002, 11:41
posten

Immer mehr slawische Sprachen werden an den heimischen Unis und Schulen gelehrt

Was sagt Ihnen "bikulturní obchodní akademie v Retzu"? Relativ wenig, oder? Nicht so den Schülern der Bikulturellen Handelsakademie (HAK) Retz im Niederösterreich. Und zwar nicht nur, weil sie ebendiese Schule besuchen, sondern weil sie hier auch fünf Jahre lang Tschechisch lernen können. In der grenznahen Handelsakademie drücken österreichische und tschechische Jugendliche Seite an Seite die Schulbank, und natürlich steht dabei die jeweils andere Sprache auf dem Lehrplan. "Es herrscht eine wirklich starke Nachfrage nach unseren Maturanten", lobt Direktor Ewald Fidesser auf STANDARD-Anfrage die eigene Schule, "denn immer mehr regionale Betriebe eröffnen nun auch Niederlassungen in Tschechien."

Die erste Sprosse

Eine slawische Sprache kann auch bei großen Banken und Versicherungen die erste Sprosse auf der Karriereleiter bedeuten. Viele von ihnen haben zum Beispiel in den Alpen-Adria-Raum expandiert. Eine Tatsache, von der wiederum die Schüler der zweisprachigen HAK in Klagenfurt profitieren.

Der Unterricht wird hier in Deutsch und in Slowenisch abgehalten. Man kann in der Handelsakademie in der Kärntner Landeshauptstadt aber auch Kroatisch lernen - "ein Sprachenprofil, das am Arbeitsmarkt derzeit heiß begehrt ist", wie Direktorin Maja Amrusch-Hoja beobachtet. Sie bedauert nur, dass kaum Jugendliche mit Deutsch als Muttersprache sich um eine Aufnahme bewerben, obwohl das ohne Probleme möglich wäre.

An zahlreichen heimischen Schulen werden süd-, mittel-oder osteuropäische Sprachen zumindest als Freifach angeboten. Russisch hat an Handelsakademien in Österreich sowieso Tradition, ansonsten entsprechen die Angebote den regionalen Gegebenheiten. In Kärnten sind es eben vor allem Slowenisch und Kroatisch, in Ober- und Niederösterreich kann man Tschechisch lernen. Und im Burgenland wird vor allem Ungarisch unterrichtet.

In der Schule Versäumtes kann man aber auch noch während eines späteren Studiums nachholen: zum Beispiel an der Wirtschaftsuniversität Wien oder auch am Institut für Slawistik, wo Russisch, Polnisch, Tschechisch und Bosnisch/Kroatisch/Serbisch auch für Nichtslawisten angeboten wird. Standardisierte Zertifikate, die mit dem Toefl-Test für Englisch vergleichbar wären, gibt es freilich nicht.

Die Sommerkollegs

Die wohl mit Sicherheit angenehmste Art, sich sprachlich fit für mehr Europa zu machen, sind aber die Sommerkollegs: bilaterale Sprachkurse, die im jeweiligen Land abgehalten werden, und zwar gemeinsam mit dort heimischen Studenten, die gerade Deutsch lernen wollen. "Dadurch erhöht sich die kommunikative Sprachkompetenz", weiß Sophia Asperger vom Büro für Akademische Mobilität gegenüber dem STANDARD. Zusätzlicher Anreiz: Die Kosten werden mit Ausnahme einer Gebühr von 100 Euro durch Stipendien finanziert. (Kirsten Commenda/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25. 6. 2002)

Share if you care.