Brasilien: "Lula" schließt Wahlbündnis mit Unternehmer-Partei

26. Juni 2002, 11:41
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Linkskandidat vollzieht überraschende Wendung - Im vierten Anlauf auf das Präsidentenamt gute Aussichten

Rio de Janeiro/Paris - Der aussichtsreiche linke Kandidat bei den brasilianischen Präsidentschaftswahlen im Oktober, Luiz Inacio "Lula" da Silva, hat in einem überraschenden Schachzug ein Wahlbündnis seiner Arbeiterpartei (PT) mit der von Unternehmern dominierten Liberalen Partei (PL) geschlossen. Damit wird der reiche Industrielle und Senator Jose Alencar Vizepräsidentschaftskandidat des früheren Metallarbeiters und legendären Gewerkschaftführers Lula, berichtet der Brasilien-Korrespondent der französischen Zeitung "Le Monde" am Mittwoch.

Das Wahlbündnis wurde am Wochenende bei einem Parteitag der Liberalen in Brasilia mit der überwältigenden Mehrheit der Delegiertenstimmen ratifiziert. Ziel der Allianz des bärtigen PT-Führers, dem 36 Prozent der Wählerstimmen vorausgesagt werden, ist es, den Wandel der früher zum Teil radikalen Arbeiterpartei hin zu einer gemäßigten Linkspartei zu demonstrieren. Lula, einer der Gründer der PT im Jahre 1979, gehörte jedoch stets der gemäßigten parteiinternen Fraktion "articulacao" an, die sich immer gegen ein Bündnis mit der Kommunistischen Partei ausgesprochen hatte.

Gemischte Gefühle

Der linke PT-Flügel sieht das Bündnis mit der Unternehmerpartei mit gemischten Gefühlen. Die Führung der Arbeiterpartei hofft jedoch, sich durch die neue Strategie eine solide Gesprächsbasis mit den Wirtschaftsvertretern zu schaffen. Alencar, Chef des Textilkonzerns Conteminas, ist zugleich Vizepräsident des brasilianischen Unternehmerverbandes. Dies kommt Lula auch für seinen Wahlkampf zugute, da er sich auf Grund der neuen Spendenflüsse aus den Unternehmen längere Auftritte im Fernsehen leisten kann.

Lula war bereits drei Mal (1988 gegen Fernando Collor de Mello, 1994 und 1998 gegen Fernando Henrique Cardoso) mit dem Versuch gescheitert, Brasiliens Präsident zu werden. Noch nie war der charismatische PT-Führer seinem Ziele so nahe wie jetzt. Um seine Chancen weiter zu vergrößern, ist er offenbar zu politischen Konzessionen bereit. Der neue Bündnispartner steht politisch rechts, sechs der 22 Parlamentsabgeordneten der PL gehören der "Universellen Kirche des Reichs Gottes" an. Ein Deputierter, Luis Antonio Medeiros, ist der Gründer einer rechten Gewerkschaft, die dem mit der PT verbundenen Gewerkschaftsverband CUT Konkurrenz macht.

Am Wochenende versicherte der gewandelte Linkspolitiker Lula denn auch mit Blick auf seinen neuen Verbündeten, die Wirtschaftspolitik unter seiner Präsidentschaft werde sich auf die Einhaltung aller Verträge und Verpflichtungen des Landes gründen. Von einem Stopp der Bedienung der Auslandsschulden oder anderen früheren sozialpolitischen Forderungen der Linken ist nicht mehr die Rede. (APA)

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    Luiz Inacio Lula da Silva

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