WorldCom mit Milliarden-Falschbuchungen - Massiver Betrug

26. Juni 2002, 16:54
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Schuldenberg von über 30 Mrd. Dollar - Weltweiter Kurseinbruch - Aktienkurs stürzt auf 20 Cents nach 15 Dollar zu Jahresbeginn

Ein neuer Wirtschaftsskandal erschüttert die Finanzmärkte in den USA und weltweit: Der schwer angeschlagene US-Telekomriese WorldCom Inc. hat Falschbuchungen von 3,85 Mrd. Dollar (vier Mrd. Euro) vorgenommen. WorldCom hat dadurch für das Jahr 2001 und für das erste Quartal 2002 Gewinne verbucht statt rote Zahlen auszuweisen. Dies hat das Unternehmen am Dienstag nach Börsenschluss mitgeteilt. Es dürfte sich um eine der schwersten US-Buchführungsbetrügereien handeln. WorldCom könnte nach Ansicht von Wall-Street-Beobachtern der Gang zum Konkursrichter drohen.

Schuldenberg von über 30 Mrd. Dollar

WorldCom sitzt nach 60 Firmenaufkäufen während der neunziger Jahre auf einem Schuldenberg von mehr als 30 Mrd. Dollar. WorldCom hatte 1998 den Telekomkonzern MCI gekauft und war bei der Übernahme des US-Telefongiganten Sprint nur am Widerstand der Wettbewerbshüter gescheitert. WorldCom hat mehr als 20 Millionen. Kunden und ist nach AT&T die zweitgrößte US-Ferngesprächsfirma. Sie ist auch eine der weltgrößten Internet-Netzwerkfirmen.

Akzienkurs eingebrochen

Der WorldCom-Aktienkurs ist auf 20 Cents eingebrochen. Er hatte Anfang dieses Jahres noch bei 15 Dollar und 1999 bei 62 Dollar gelegen. An den internationalen Aktienmärkten hat das Debakel massive Kurseinbrüche ausgelöst. Der deusche DAX büßte bis zum fürhen nachmittag rund 4,6 Prozent auf 4.007 Punkte ein, der Nemax-50 verlor 6,2 Prozent auf 562 Zähler. Auch die Aktienbörsen in Tokio, Sydney, Hongkong und Singapur schlossen mit kräftigen Verlusten. Die Börse Wien hielt sich mit Minus 1,3 Prozent bisher relativ gut.

Die Aktien von WorldCom und der zur WorldCom gehörenden MCI Group sind am Mittwoch nach Angaben des Betreibers der Technologiebörse Nasdaq zunächst vom Handel ausgesetzt worden. Es seien weitere Informationen angefordert worden, teilte die Nasdaq in New York mit.

WorldCom hat seinen Finanzchef Scott Sullivan sofort gefeuert. Die Gesellschaft will ihre Geschäftsergebnisse für das Jahr 2001 und für das erste Quartal dieses Jahres neu herausgeben und am Freitag mit der Entlassung von 17.000 Mitarbeitern beginnen. Das sind mehr als 20 Prozent der Gesamtbelegschaft.

"Geschockt"

"Unser Führungsteam ist geschockt", erklärte WorldCom-Chef John Sidgmore. Er hatte den langjährigen Firmenchef Bernard J. Ebbers am 29. April abgelöst. Ebbers schuldet WorldCom mehr als 366 Mill. Dollar für Firmenkredite und -Kreditbürgschaften. Die Gesellschaft bleibe lebensfähig, versicherte Sidgmore.

Die US-Wertpapier- und Börsenkommission SEC hat ihre bereits laufende WorldCom-Untersuchung intensiviert. Das Justizministerium hat nach Darstellung der "Washington Post" eine strafrechtliche Untersuchung eingeleitet.

Erinnerungen an Enron

Die WorldCom-Enthüllungen bilden den jüngsten Höhepunkt einer beispiellosen US-Skandalserie. Sie folgten dem Kollaps des Energiehändlers Enron und der Verurteilung seines Wirtschaftsprüfers Andersen wegen Justizbehinderung. Hinzu kamen der Konkurs des Telekomunternehmens Global Crossing und der US-Kabelfernsehfirma Adelphia sowie Untersuchungen der Aufsichtsbehörden bei dem Mischkonzern Tyco International und der Biotech-Firma ImClone.

Andersen war bis vor kurzem auch Buchprüfer bei WorldCom gewesen. Andersen betonte, seine WorldCom-Arbeiten hätten immer im Einklang mit den SEC- und professionellen Standards gestanden. Der neue WorldCom-Rechnungsprüfer KPMG soll jetzt eine Untersuchung der beanstandeten Geschäftsergebnisse vornehmen.

Firmeninterne Untersuchung

WorldCom hatte durch eine firmeninterne Untersuchung herausgefunden, dass bestimmte Ausgaben als Investitionen verbucht wurden statt als laufende Kosten. Sie können so über viele Jahre abgeschrieben werden, statt sich sofort Gewinn mindernd auszuwirken. Diese Maßnahmen standen nach WorldCom-Angaben nicht im Einklang mit den US-Buchführungsregeln (GAAP).

Es handelte sich für das Jahr 2001 um eine Summe von 3,05 Mrd. Dollar und im ersten Quartal dieses Jahres um Beträge von 797 Mill. Dollar. Ohne diese Aktionen wäre der EBITDA-Gewinn (vor Zinsen, Steuern, Abschreibungen und Amortisation) für 2001 auf 6,3 Mrd. Dollar und für das erste Quartal 2002 auf 1,37 Mrd. Dollar reduziert worden. Es wäre für 2001 und für das erste Quartal 2001 ein Nettoverlust angefallen, betonte WorldCom. Stattdessen hatte die Gesellschaft für 2001 einen Reingewinn von 1,4 Mrd. Dollar und für das erste Quartal 2002 einen Reingewinn von 130 Mill. Dollar ausgewiesen.

Gefahr

Händler sehen jetzt auch die Gefahr einer sinkenden Kreditvergabe durch die Banken. Die Finanzinstitute dürften immer vorsichtiger werden, da sich ihre Risiken deutlich erhöhten. Zugespitzt hieße dies, dass letztlich nur noch diejenige Unternehmen vernünftig finanzierbare Kredite bekämen, die ohnehin genügend Geld auf der hohen Kante hätten. Die Unternehmen allerdings, die wirklich dringend Kredite benötigten, müssten extrem hohe Prämien bezahlen. Bei einem solchen Szenario bestehe die Gefahr, dass die konjunkturelle Erholung abgewürgt werde, sagte ein Händler.

Die große Frage ist jetzt, wie die Banken und anderen Gläubiger auf die Enthüllung des Buchführungsbetrugs durch WorldCom reagieren werden. Sollten sie auf eine sofortige Kreditrückzahlung drängen, wäre ein rascher Gang zum Konkursrichter kaum noch zu vermeiden. (APA/reuters)

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