Aussicht auf eine neue Körper-Politik

25. Juni 2002, 20:21
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Chris Hables Gray, Spezialist für Cyborgs, im Gespräch über sein Buch "Cyborg Citizen"

Chris Hables Gray ist Spezialist für Cyborgs. Der US-amerikanische Computerwissenschafter war anlässlich seiner Buchpräsentation "Cyborg Citizen" in Wien. Ein Feature über Aspekte von Bürgerschaft im Zeitalter der elektronischen Reproduktion von Doris Krumpl.


Wien - Unzählige Themen, die das Leben, die menschliche Gesellschaft heute und vor allem morgen beeinflussen, vereint und analysiert Chris Hables Gray in seinem jüngsten Buch Cyborg Citizen - Politik in posthumanen Gesellschaften: Info-Krieg, Organ-Ernten, Transplantate, Überwachung, Gen- und Nanotechnik, Sex und Gender, kommerzielle Eugenik etc.

Roter Faden in dieser kürzlich in deutscher Übersetzung bei Turia+Kant erschienenen Publikation ist der Cyborg, der kybernetische Organismus, dem viele näher sind, als sie vielleicht glauben. Denn die Definition des US-Computerwissenschafters und laut Eigendefinition "politischen Aktivisten", etwa einem Jeremy Rifkin vergleichbar, ist eine sehr offene: Jeder Mensch mit Herzschrittmacher ist etwa ein Cyborg, so wie die auf Menschensuche trainierte "Robo-Ratte" oder ein Patient, der als Organspender am Leben gehalten wird.

Vieles lässt Hables Gray, der zur Buchpräsentation auf Einladung der Wiener Netzkulturinstitution Public Netbase referierte, dabei offen. Sein Anspruch liegt aber mehr im klugen Zusammentragen und -fassen von Informationen zu den fortschreitenden Synergien zwischen Mensch und Technologie - und der (Körper-)Politik.

Oft zeigt er auf, welch zweischneidiges Schwert diese Entwicklungen darstellen: "Cyber" hat seinen Ursprung im Altgriechischen und bedeutet "Steuern" - und er wollte den Begriff so offen wie möglich halten. Uniformismus, Totalitarismus seien mittels Technologien, etwa Nanorobotern, heute machbarer denn je. Das Unsichtbarkeitspotenzial der Nanotechnologie ermögliche es, schreibt der US-Autor, etwa Drogen- und DNA-Tests an Passanten durchzuführen, ohne dass die Untersuchten dies merken.

Appell an Nirvana

Andererseits führt Hables Gray auch ein positives Beispiel aus dem jugoslawischen Krieg an, wo kroatische Mädchen Krist Novoselic, einem Musiker der Band Nirvana, über das ZaMir Net ("Friedensnetz") schrieben, sich nicht wie ihr Bandleader Kurt Cobain umzubringen: Denn Nirvanas Musik sei ihnen im "Kampf ums Überleben" unentbehrlich gewesen. Der Musiker, gebürtiger Slowene, beantwortete den Brief und schickte 60.000 Dollar für den Wiederaufbau des Wohnortes der Mädchen.

Die Technologien und Materialien werden immer besser, sagt der Autor im STANDARD-Gespräch: "In kalifornischen Gefängnissen setzt man Häftlingen mit Medikamenten gespickte Implantate ein. Das Problem dabei: Erst probiert man sie an Häftlingen, dann an Soldaten, und dann an jedem anderen." In der Hightechmedizin werde der Körper als digitales System, als Datenpackung bewertet: "Info-Medizin ersetzt die biologische Definition des Körpers. Es zeigt, wie die kybernetische Idee gegriffen hat - ohne dass man sie explizit Cyber-Medizin nennt."

Ein Jahr Stipendium für das historische Archiv der Nasa gab Hables Gray ebenfalls Aufschluss über den Begriff Cyborg, den die Raumfahrtorganisation aufbrachte: im Zusammenhang mit der Frage, wie Menschen modifiziert werden könnten (u.a. Nahrung, Training), um den Weltraum zu ihrer natürlichen Umgebung zu machen. Der Wissenschafter und Cultural-Studies-Professor vermutet in seinem Buch, dass unter den ersten genetisch erzeugten posthumanen Wesen solche sein könnten, die ihre "maschinell erweiterten Leben" ständig im Wasser verbringen.

"Das betrifft alle"

Hables Gray stellte auch die "Cyborg Bill of Rights" zusammen, eine Ergänzung zu den Verfassungen, die mit der technologischen Entwicklung nicht mehr Schritt halten können. Dass dies nur die westliche Welt und Menschen mit Netzzugang beträfe, verneint er definitiv: "Schauen Sie zum Beispiel nur das Recht auf den eigenen Tod an, es betrifft alle." Die Grenzen zwischen Lebenden und Toten, zwischen Natürlichem und Künstlichem sowie zwischen Lebewesen und Maschinen lösen sich zunehmend auf, so Hables Gray:

"Regierungen sollen auch kein Recht haben zu definieren, welche Bewusstseinsänderung - sei es durch psychopharmazeutische, genetische, spirituelle oder andere Verfahren - gut und welche schlecht ist." Hables Gray gibt seine Schwäche für Labels zu, wenn man ihn auf die inflationäre Verwendung von "Cyber" anspricht. Aber er geht die Sache nicht oberflächlich an. Ihn wunderte es, dass "die Kybernetik nie groß wurde, nur in wenigen Staaten, in Russland, in Österreich. Kybernetische Ideen kamen in den anderen Ländern innerhalb anderer wissenschaftlicher Disziplinen vor. Das zeigt, dass die Idee des Cyborgs überall gegriffen hatte." Die Nasa benutze den Begriff kaum, da sie Imageschäden fürchte, so Hables Gray, denn ein Cyborg könnte ja auch ein Monster sein: "Ihnen ist das Star-Trek-Image lieber."

Wer sind die falschen Propheten der Cyberwelt? "Da gibt es einige", meint Hables Gray. "In der Geschäftswelt heißt es: 'Cyber your business' und du wirst viel Geld machen. Dann gibt es das Militär. Da wird den Bürgern vorgemacht, dass mittels Cyborg-Systemen ein perfekter Krieg ohne Blutvergießen möglich sei: Das ist eine Illusion, wie die Werbung. Da wird den Eltern verheißen: ,Kauf diesen PC und deine Kinder werden dadurch klüger'." Was in dem Fall wirklich zählt, sind gut ausgebildete Lehrer."

Chancen für positive Cyborgisierung sieht der Computerwissenschafter und Bürgerrechtler in der Fragmentierung, in einer Cyborg-Bürgerschaft in vielen Formen. (DER STANDARD, Printausgabe, 26.6.2002)

  • Chris Hables Gray  "Cyborg Citizen"(Turia + Kant)Covermotiv
    foto: turia + kant

    Chris Hables Gray
    "Cyborg Citizen"
    (Turia + Kant)
    Covermotiv

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