Falsch verstandene Political Correctness

25. Juni 2002, 19:25
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Wie viel Umbenennung braucht das Land? Kommentar der Anderen über die Vergangenheitsbewältigung des Alpenvereins

Eduard Pichl war ein toller Bergsteiger. Über seine Erstbegehungen in den Alpen freute sich auch seine Sektion des Alpenvereins die "Austria". Eduard Pichl war aber auch ein herausragender Antisemit, und seinem unermüdlichen Einsatz hat der Deutsch-Österreichische Alpenverein die Einführung des "Arierparagraphen" bereits 1921 zu "verdanken".

Die Juden hatten in den Bergen und auf den Hütten nichts verloren. Der Nationalsozialismus begann im Österreich der Zwanzigerjahre in 1000 Meter Seehöhe. Nach dem Krieg wollte man auf diese Vorarbeit für den Nationalsozialismus nicht mehr öffentlich stolz sein, aber gesprochen werden sollte darüber auch nicht. Besser war es da schon, den Betreffenden zu ehren. Dieses Gross'sche "Schicksal" hat Pichl und viele andere Nazis ereilt.

Würdiges Zeichen?

Der Alpenverein hat sich schwer getan, die Realität des Antisemitismus und der Ausgrenzung in seiner eigenen Geschichte zu erkennen und anzusprechen. Kritiker wie der Historiker Rainer Amstädter ("Der Alpinismus. Kultur - Organisation - Politik", Wien 1996.) wurden verfemt und Jubiläumsschriften wegen der Erwähnung des "Arierparagraphen" nicht in Druck gegeben. Das war noch so vor sechs Jahren. Nun heißt über Nacht die Eduard-Pichl-Hütte in den Karnischen Alpen plötzlich Wolayerseehütte.

Es ist nie zu spät umzudenken, könnte man meinen, und darin ein würdiges Zeichen der Sektion "Austria" sehen (untermauert von einer Gedenktafel in der Rotenturmstraße: "Gegen Intoleranz und Hass 1921-1945 uns Bergsteigern zur Mahnung").

Die Verspätung provoziert aber eine Frage: Was ändern solche Aktionen? Steckt dahinter nicht die Illusion, mit der Tilgung von der Landkarte unserer Erinnerung auch das Geschehene ungeschehen/ vergessen zu machen? Wäre es nicht mutiger, die Kernstockplätze und Pichl-Hütten zu belassen, und mit einem Hinweis zu versehen, wofür dieser Name auch steht?

Das wäre ein Stachel im Fleisch der Vergesslichen, das würde die notwendigen Debatten provozieren. Wie viel Umbennenung braucht das Land? Unsere Geschichte wird mit "gereinigten" Landkarten nicht besser. Pichl, Kernstock und Konsorten sind (leider) ein Teil unserer Geschichte. Und Gedenktafeln können auch die Funktion von Feigenblättern annehmen und manch Beteiligten das Erinnern ersparen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 26. 6. 2002)

Kommentar der Anderen von Robert Streibel

Der Autor ist Zeithistoriker und Initiator des Denkmals für ermordete und vertriebene Juden auf dem jüdischen Friedhof in Krems.
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