"Es regnete Programmhefte!"

27. Juni 2002, 17:28
posten

Kent Nagano über Konzerttroubles und seine Beziehung zu den Symphonikern

Wien - Da steht ein dicker Aktenkoffer neben Dirigent Kent Nagano. Und obwohl man nicht erfährt, welche Partituren er verbirgt, so enthält er doch wahrscheinlich jenes Material, aus dem die Programme bestehen werden, die Nagano in ferner Zukunft mit den Wiener Symphonikern erarbeiten wird. So jedenfalls Nagano, auf den Koffer klopfend. Für uns macht er ihn natürlich nicht auf. Schließlich sind das "alles nur Projektvorschläge, über die ich mit dem Orchester jetzt reden werde".

Sicher ist: Nagano, den sich das Orchester als Nachfolger von Vladimir Fedosejev wünscht, weshalb es bereit ist, ab 2004 den Posten des Chefdirigenten für Nagano eine Weile unbesetzt zu lassen, will in Wien spezielle Projekte erarbeiten. Sicher ist aber auch, dass er bis 2008 Chef des Deutschen Symphonieorchesters Berlin ist. Auf die Frage, ob er ausschließen kann, dass er Chefdirigent der Symphoniker werden könnte, kommt jedoch kein eindeutiges Ja.

Die Titelfrage

Vielmehr erklärt der US-Dirigent, der am Mittwoch im Konzerthaus mit den Symphonikern eine exakt-gediegene, aber nicht überschäumend wuchtige Version von Strawinskis Sacre präsentierte, dass "wir die Titelfrage ganz offen gelassen haben, ich finde Titel nicht wesentlich. Ich möchte mit dem Orchester arbeiten, der Titel wird sich ergeben." Nagnao jettet zwar nicht gerne als Reisedirigent durch die Welt. Aber dass er wenig zu tun hat, kann man nicht behaupten. Neben seiner Berliner Tätigkeit ist er auch an die Oper in Los Angeles gebunden.

Eben diesem Job ist zu verdanken, dass er am 11. September 2001 im Flugzeug Richtung USA unterwegs war: "Wir sind nicht bis L.A. gekommen, die Maschine kehrte um, wobei man uns nicht sagte, wieso. Das hat Panik vermieden." Nagano findet, dass in den USA eine gewisse Normalität eingekehrt sei: "Nur an der Oberfläche. Keiner ist entspannt. Doch die Leute gehen wieder ins Theater." Am kommenden 11. September wird er garantiert nicht im Flugzeug sitzen, sondern mit seinen Berlinern ein Gedenkkonzert geben. Deren Orchesterexistenz sei mittlerweile gesichert, sagt Nagano, der Berlin für eine spannende Stadt hält, aber deren Probleme für so gravierend hält, dass "es für manches womöglich gar keine Lösung geben kann".

Weitermachen, so gut es geht, ist für Nagano zumindest in der Musik eine gute Lösung. Er denkt da an ein Konzert in Mailand, wo er Messiaen dirigierte (der Komponist war anwesend) und mitten im Stück plötzlich Dinge auf die Bühne zu fliegen begannen. "Ich dirigierte natürlich weiter, am Ende regnete es Programmhefte!" Da muss Nagano schallend lachen, denn "natürlich war das nicht so angenehm. Andererseits fand ich es bemerkenswert, welche Reaktionen Musik auslösen kann." Lachen muss er auch, wenn er an Leonard Bernstein denkt. "Er war wichtig für mich. Wobei ich sagen muss, dass ich damals fast nichts von dem verstand, was er sagte. Er konnte sehr ironisch sein."

Spricht er über Olivier Messiaen, den er privat gut kannte, dann eher im Tonfall der Verehrung. "Er war für mich das Tor zu Europa und musikalisch wichtig." Sogar wegen der Waldspaziergänge, "bei denen wir den Gesang der Vögel analysierten." (Ljubisa Tosic / DER STANDARD, Printausgabe, 28.6.2002)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Kent Nagano

Share if you care.