Annäherungen an das kubanische Leben

25. Juni 2002, 19:27
posten

Stefan May hat ein Buch über Kuba geschrieben, das nichts verschweigt. Er lässt teilhaben an der Entdeckung der karibischen Insel, an seinen alltäglichen Freuden und - als bekennender Hypochonder - auch an seinen Leiden. Häufig hat es tragikomische Züge, wenn May aus der Perspektive des Österreichers über die Tücken des Reisens in dem sozialistischen Staat schreibt: Wie er nach seiner Ankunft von zwei Betrügern beim Geldwechsel übers Ohr gehauen wird oder mit welchen Tricks versucht wird, ihm immer wieder Langusten gegen Dollars aufzuschwatzen.

Das verleitet den langjährigen ORF-Journalisten, der im Vorjahr zu Printmedien gewechselt ist, zu Reflexionen wie dieser über die Dollarmanie der Kubaner: "Eine tragische Paradoxie, wenn im Monetären die eigene Identität abgeleht wird, abgehäutet, abgetrennt vom Sein, vom Seinwollen. Wenn die Währung des Feindes unbestritten Richtschnur geworden ist." Solche sprachverliebte Sätze machen das Buch lesenswert.

Außerdem beschreibt May die Zustände von Sehenswürdigkeiten mit einer Ehrlichkeit, wie sie in Reiseführern selten anzutreffen ist. So schildert er den Abstieg vom Turm der Stadt Trinidad mit den Worten: "Beim Abstieg ist jede zurückgelegte Stufe ein Gewinn für die Erhaltung körperlicher Integrität." Verschwiegen hätten werden können dagegen die Annäherungen des öffentlichen Tagebuchschreibers an das weibliche Geschlecht.

Für Kuba-Fans ist es ein Buch zum Erinnern, auch wegen schöner Fotos und hilfreicher Wegskizzen. Den anderen macht es Lust auf die Entdeckung der karibischen Insel. Es ist mehr als ein Reiseführer, es ist ein mitreißendes Mitreisebuch. (Alexandra Föderl-Schmid/DER STANDARD, Printausgabe, 26.6.2002)


Stefan May Raunende Langusten. Ein kubanisches Reisetagebuch. Edition Neue Wege, Gösing/ Wagram 2002 325 Seiten, 18,70 Euro
Share if you care.