"Dann sollen sie Arafat gleich töten"

25. Juni 2002, 18:34
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Die Palästinenser stünden in Zeiten großer Not geschlossen hinter Präsident Arafat, er müsse im Amt bleiben, meint die palästinensische Friedensaktivistin Sumaya Farhat-Naser

Wien - Einen Führungswechsel in der palästinensischen Autonomiebehörde, wie ihn US-Präsident George W. Bush fordert, lehnt Sumaya Farhat-Naser vehement ab. "Dann sollen sie Yassir Arafat gleich töten", meint die palästinensische Friedensaktivistin und Universitätsprofessorin gegenüber dem STANDARD am Dienstag in Wien. Es sei empörend, wie sehr die USA den Palästinensern Vorschriften machen, die Würde und das Selbstbestimmungsrecht eines ganzen Volkes werde mit Füßen getreten, ärgert sich die Kreisky-Preisträgerin.

Wer Arafat denn nachfolgen solle, fragt Farhat-Naser rhetorisch, Hunderte neuer Arafats würden bereitstehen, viele der potenziellen Nachfolger seien um etliches radikaler als der derzeitige Präsident, da es für Palästinenser heute "keine Sicherheit mehr gebe". Unter dem Deckmantel der Terrorbekämpfung ginge es den Israelis nur um die Kontrolle palästinensischen Bodens.

Es könne in den palästinensischen Gebieten nicht einmal neu gewählt werden: "Die Israelis haben unsere gesamte Infrastruktur zerschossen, haben praktisch alles zerstört." Es gebe keine Wählerverzeichnisse, die Wahlberechtigten würden es wegen der 175 israelischen Checkpoints nicht einmal bis zum nächsten Wahllokal schaffen. Außerdem seien mehr als 120 palästinensische Politiker gezielten Anschlägen der Israelis zum Opfer gefallen: "Nicht die Radikalen wurden ermordet, die sieht man jeden Tag im Fernsehen. Die Gemäßigten wurden getötet. Israels Regierung will nicht, dass wir eine Demokratie aufbauen, sie wollen nur unser Land."

Die Lebensumstände der Palästinenser seien schlicht katastrophal, sagt Farhat-Naser: Die Wirtschaft sei durch die israelische Blockade völlig zerstört, es gebe keine Zukunftsperspektiven, die Verzweiflung wachse. Auch die medizinische Versorgung der Bevölkerung sei verheerend; beispielsweise würden schwangere Frauen, die zum Arzt wollten, an den israelischen Checkpoints stundenlang bei 40 Grad aufgehalten, bei Widerrede werde sofort geschossen.

Farhat-Naser wirbt mit Unterstützung der Organisation "Frauen ohne Grenzen" in Österreich um Hilfe für palästinensische Frauen und Kinder. Um 3000 Euro pro Stück könnten Hebammenkoffer gekauft werden, die die Versorgung der Schwangeren verbessern würden, Farhat-Naser hofft auf Spenden. (DER STANDARD, Printausgabe, 26.6.2002)

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    Sumaya Farhat-Naser

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