"Sharons Sieg" titelten Israels Zeitungen am Tag nach der Nahostrede von US-Präsident Bush

25. Juni 2002, 18:14
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Die überraschend klare Parteinahme für Israels Premier ist das Ergebnis eines 18 Monate währenden Grabenkampfs in Washington.

Nur eine ganz kurze, lakonische Erklärung hat Ariel Sharons Kanzlei eine halbe Stunde nach der richtungsweisenden Rede von US-Präsident George Bush veröffentlicht, die der israelische Premier im Fernsehen verfolgt hatte. "Sharon hat bei vielen Gelegenheiten gesagt", so hieß es darin, "wenn es ein absolutes Ende des Terrors, der Gewalt und der Aufwiegelung gibt und wenn die Palästinensische Behörde echte Reformen durchführt, was eine neue Führung an der Spitze einschließt, wird es möglich sein, über Fortschritte in den politischen Bahnen zu sprechen."

Eine kalkulierte Pose

Der zurückhaltende Ton war aber, darin waren sich alle israelischen Kommentatoren einig, bloß eine kalkulierte Pose - man wollte Bush nicht durch zu viel Lob erdrücken und die tiefe Befriedigung darüber verbergen, dass die USA nun Israels Situation endlich begriffen hätten.

"Israel hätte keine bessere Rede erhoffen können", lautete die erste Analyse im israelischen Fernsehen, und sogar die regierungskritische Tageszeitung Ha’aretz titelte "Sharons Sieg". Linkspolitiker bemängelten zwar, dass Bush in seiner Rede am Montagabend "mehr von der amerikanischen Vision als von der nahöstlichen Realität" gesprochen habe: "Die Politik der USA ist verwirrt, sie haben keine blasse Ahnung, was sie machen sollen", meinte etwa Exminister Chaim Ramon, einer der Anwärter auf die Führung der Arbeiterpartei. Doch Likud-Minister Dani Naveh freute sich darüber, "dass auch der Präsident der USA versteht, dass Israel Recht hat: Gegenwärtig gibt es keine politische Lösung, Israel hat Recht mit seinem Krieg gegen den Terror und mit seiner Forderung nach der Ablösung Arafats."

Der Palästinenserchef hatte keine andere Wahl, als zumindest offiziell gute Miene zum bösen Spiel zu machen und die für ihn unbequemen Passagen zu ignorieren. Arafat begrüßte das Konzept, das seine eigene Entmachtung vorsieht, als "ernsthafte Anstrengung, den Friedensprozess voranzutreiben".

Provisorischer Staat

Kabinettssekretär Ahmed Abdel Rahman tröstete sich, dass erstmals eine US-Regierung die Idee eines Palästinenserstaats übernommen habe, was eine "historische Änderung" sei, doch die Abgeordnete Hanan Ashrawi fragte, was mit dem "provisorischen Staat" wohl gemeint sei: Im Völkerrecht "gibt es so ein Ding nicht". Ihr Kollege Siad Abu-Siad tat Bushs Vorschläge als "realitätsfern" ab: "Er sagt, das palästinensische Volk verdient es nicht, unter den Abriegelungen zu leben, aber er sagt nicht, wie man einen Prozess beginnen kann, der uns aus dieser Situation herausholt."

Nur Stunden nach Bushs Rede weiteten die Israelis ihre Militäroperation aus, Panzer rückten in den palästinensischen Teil Hebrons vor, vier Autonomiepolizisten wurden getötet. In der Gegend von Jerusalem wurde kurz vor der Rede ein Selbstmordattentäter abgefangen, der laut Polizei mit Komplizen schon zu einem Einkaufszentrum unterwegs war. (DER STANDARD, Printausgabe, 26.6.2002)

Ben Segenreich aus Tel Aviv
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