Kindesmissbrauch hat dauerhafte Gehirnschäden zur Folge

26. Juni 2002, 07:20
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Die Regelung von Emotion und Gedächtnis verändert sich

Boston - Schwere Misshandlungen im frühen Kindesalter können die Entwicklung des kindlichen Gehirns so stark beeinträchtigen, dass dauerhafte Schäden zurückbleiben. Noch beim erwachsenen Opfer lassen sich Störungen der Hirnfunktion nachweisen. Das hat der amerikanische Psychiatrie-Professor Martin Teicher von der Harvard Medical School in Boston durch Untersuchungen mittels Kernspintomographie an nachweislich misshandelten Kindern und Jugendlichen herausgefunden, berichtet das Magazin "Spektrum der Wissenschaft" in der Juli-Ausgabe.

Die Regelung von Emotion und Gedächtnis verändert sich

Teicher begann nach der Behandlung von drei Patienten mit Borderline-Persönlichkeitsstörung zu vermuten, dass die verschiedenen Formen von Misshandlung, denen sie schon früh ausgesetzt waren, die Entwicklung ihres limbischen Systems verändert hatten. Dieses spielt eine entscheidende Rolle bei der Regelung von Emotion und Gedächtnis. Zwei besonders wichtige limbische Regionen sind der Hippocampus und die Amygdala (der Mandelkern). Der Hippocampus ist wichtig für die Bildung und Wiedergewinnung sowohl verbaler als auch emotionaler Gedächtnisinhalte, während die Amygdala die Aufgabe hat, den emotionalen Gehalt einer Erinnerung zu erzeugen - beispielsweise Gefühle, die mit Furcht und aggressiven Reaktionen zusammenhängen.

Das verbale Gedächtnis wird schlecht ausgebildet

In nachfolgenden Untersuchungen konnte Teicher einen Zusammenhang zwischen früher Misshandlung und einer Verkleinerung des erwachsenen Hippocampus nachgewiesen; auch die Amygdala war manchmal kleiner als normal. Angesichts der Bedeutung des Hippocampus für das Gedächtnis überrascht es nicht, dass diese Patienten auch bei verbalen Gedächtnistests schlechter abschnitten als nicht missbrauchte Kontrollpersonen.

Die linke Hirnhälfte bleibt in der Entwicklung deutlich zurück

In der Studie wurden unter anderem 15 gesunde Freiwillige mit 15 Patienten aus der Kinder- und Jugendpsychiatrie verglichen, die nachweislich intensiv misshandelt oder sexuell missbraucht worden waren. Die rechte Hemisphäre der missbrauchten Patienten hatte sich genauso entwickelt wie bei den Kontrollpersonen, aber ihre linke Hirnhälfte hinkte deutlich hinterher. Die linke Hemisphäre ist darauf spezialisiert, Sprache wahrzunehmen und auszudrücken, während die rechte Hemisphäre vor allem räumliche Informationen verarbeitet und sich mit Gefühlen befasst - insbesondere mit negativen Emotionen.

Borderline-Persönlichkeitsstörung

Diese Befunde könnten ein Modell dafür sein, wie eine Borderline-Persönlichkeitsstörung entstehen kann. Unzureichende Integration der Hirnhälften lassen diese Patienten unvermittelt von links- zu rechtshemisphärisch dominierten Zuständen wechseln - mit höchst unterschiedlichen emotionalen Wahrnehmungen und Erinnerungen. Eine derart einseitige Hemisphärendominanz könnte einen Menschen veranlassen, Freunde, Familie und Mitarbeiter abwechselnd übertrieben positiv und überwiegend negativ zu sehen - ein typisches Kennzeichen dieser Störung. (APA)

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