"Fossiles Magnetfeld" gewährt Rückblick auf bewegte Zeiten

24. Juni 2002, 19:25
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Leobener Geophysiker: Neues zur Entstehung des Ostalpenraums

Leoben - Dort, wo heute Wien, Linz und Graz liegen, tummelten sich im Miozän über lange Zeit hinweg Seekühe, Haie und sogar Wale in ausgedehnten Meeresbecken. Österreichische Forscher begeben sich in einem Projektbündel des Wissenschaftsfonds auf Spurensuche in diese ferne Vergangenheit des Ostalpenraumes. Ziel der Forschungsarbeiten ist es, die tektonischen Vorgänge vor 24 bis fünf Millionen Jahren und ihre Auswirkungen auf die Ökosysteme jener Zeit zu ergründen.

Während sich die Paläontologen auf die fossile Flora und Fauna konzentrieren, widmen sich die Geophysiker dem "fossilen Magnetfeld" der ehemaligen Meeresbecken.

Das Prinzip des Paläomagnetismus ist rasch erklärt: Wenn sich magnetische Partikel aus dem Wasser im Sediment absetzen, orientieren sie sich wie eine Kompassnadel am Erdmagnetfeld und konservieren es auf diese Weise. Da das Magnetfeld seine Ausrichtung im Verlauf der Erdgeschichte in bestimmten Intervallen gewechselt hat, geben die magnetischen Informationen wichtige Hinweise auf das Alter geologischer Schichten.

Gestützt auf die paläomagnetische Untersuchung von über 1000 Gesteinsproben wagt der Geologe Robert Scholger von der Montanuniversität Leoben auch schon erste Aussagen über die tektonischen Prozesse dieser bewegten Zeit: "Während wir in nördlichen Bereichen, also im Alpenvorland und Wiener Becken, eine Rotation gegen den Uhrzeigersinn von bis zu 20 Grad festgestellt haben, deuten im Süden viele Anzeichen auf eine gegenläufige Bewegung hin."

Sollten sich diese Ergebnisse durch weitere Messungen erhärten, wäre das ein klarer weiterer Beweis dafür, dass die Kalkalpen in der letzten Phase der Gebirgsbildung wie ein Keil Richtung Osten geglitten sind und damit sowohl die Topografie als auch die Ökosysteme des Wiener und des Steirischen Beckens stark beeinflusst haben.

Auch Klima erforschen

In weiterer Folge wollen die Wissenschafter aus den Magnetdaten auch Hinweise auf die teils turbulente Klimaentwicklung im Miozän gewinnen. "Es hat sich herausgestellt, dass einige magnetische Parameter stark von Umweltbedingungen wie Temperatur, pH-Wert oder Salzgehalt des Wassers abhängig sind", zeigt sich Scholger optimistisch, dass die Magnetik in Zukunft nicht nur in Datierung und Tektonik, sondern auch als Klimaindikator verstärkt zum Einsatz kommen wird. (Angelika Prohammer/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25. 6. 2002)

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