Online Teaching: Böse neue Welt des Lernens?

24. Juni 2002, 19:16
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Zur Kritik an der Digitalpädagogik - eine Erwiderung und ein Kommentar der Anderen von Gerald Kral

Kollege Heinz Zangerle hat wieder "zugeschlagen", diesmal zum Thema Computer und Internet und deren forcierten Einsatz an Österreichs Schulen ("Informatik frisst Deutsch", STANDARD, 22. 6.).

So geschickt er einerseits versucht, potenziellen Gegnern seiner Position von vornherein den Wind aus den Segeln zu nehmen, indem er unterstellt, dass jeder, der den Nutzen der neuen Medien in Zweifel zieht, als "Modernitätsfeind" denunziert werde, so unbekümmert trägt er selbst zur Bloßstellung eben dieser Zweifel bei - etwa durch den schlichten Satz "Computer und Internet sind nur Werkzeuge". Bin ganz seiner Meinung. Aber, jetzt kommt's, "sie gehören in die Hand des Lehrers". Wie bitte?

Abgesehen davon, dass ich die Schlussfolgerung, die implizit zwischen den beiden Sätzen gezogen wird, nicht nachvollziehen kann: Wieso gehören Werkzeuge in die Hand der Lehrer/innen und nicht auch in die Hände der Lernenden? Ist es nicht Aufgabe der Schule, den Schülern den Gebrauch verschiedener Werkzeuge beizubringen? Und: Wie lange sollen sie den Schülern vorenthalten werden? Bis zur Absolvierung der Unterstufe? Bis zur Matura? Oder bis zur Geschlechtsreife?

Und was, wenn - angenommen - aus Schülern Lehrer werden? Bis zum Ende ihrer diesbezüglichen Ausbildung sind sie ja wohl auch noch Schüler . . . Geht's dann trotzdem schon? Oder erst ab dem ersten Tag ihres Lehrerdaseins? Und: Wie sollen sie dann damit umgehen können, wenn sie erst jetzt dürfen? Oder geht Zangerle davon aus, dass sie es ja schon heimlich gemacht haben werden, unter der Bettdecke vielleicht - vorberufliche Computererfahrung als lasterhaftes Pendant zu vorehelichem Sex?

Versuchen wir es einmal anders: Messer und Gabel sind Werkzeuge. Richtig. Was folgt daraus? Oder: Bücher sind Werkzeuge zum Bildungs-und Wissenserwerb und Teil unserer Kultur. Richtig. Was folgt daraus?

Äußerungen wie die vorhin zitierte lassen darauf schließen, dass da jemand Angst hat: Computer und Internet taugen nicht für Kinder und Jugendliche. Warum nicht? Was soll passieren? Könnten die Kids am Ende besser (technisch wie kompetenzmäßig) damit zurechtkommen als manche Erwachsenen? Anstatt zu sehen, dass es darauf ankäme, Medienkompetenz zu vermitteln, wird hier einfach behauptet: Nix für Kinder - und basta. Fehlte nur noch, das der Kritiker die Rede vom "Teufelszeug" aus der pädagogischen Mottenkiste holt.

Medienkompetenz vermitteln bedeutet: Zusammenhänge aufzeigen, Inhalte bewerten helfen, diskutieren, argumentieren. Das aber können nur Erwachsene, die angstfrei an das Thema herangehen - insofern besteht also tatsächlich eine gewisse Parallele zwischen Informatik und Sexualität.

Übersehen hat Zangerle bei seinem Aufschrei gegen die "Digital-Euphorie" zudem, dass es dabei ja wohl nicht um eine Entweder-oder-Diskussion geht, sondern einfach um die Frage, wie neue Medien in den schulischen Alltag sinnvoll integriert werden können.

Dass das Internet das Lesen nicht verdrängt, geht auch aus Untersuchungen hervor, die zeigen, dass jugendliche Internetnutzer/innen auch deutlich häufiger Zeitungen lesen als Jugendliche ohne Internetzugang. Don Tapscott hat in seinem äußerst lesenswerten Buch "net kids" aufgezeigt, wie die neue Generation der netzaktiven Kinder und Jugendlichen mit dem Medium umgeht und wie Erwachsene sich dabei verhalten könnten; Wolfgang Bergmann beschrieb im Buch "Computer machen Kinder schlau", wie die neue Kulturtechnik sinnvoll genutzt werden kann; und Nicola Döring bewies in einer Serie von sehr differenzierten wissenschaftlichen Untersuchungen, dass die Nutzung von neuen Medien keineswegs zu einer Verarmung sozialer Beziehungen führt.

Zum Glück lassen sich Kinder und Jugendliche von den erhobenen Zeigefingern nicht irritieren, weil sie einfach fasziniert sind von den Möglichkeiten, die ihnen das neue Medium bietet. Und das ist gut so, denn Computer und Internet sind fixer Bestandteil der Welt, in der wir - Schüler, Eltern und Lehrer - leben.

Aufgabe der Erwachsenen wäre es, den Kindern diese Welt näher zu bringen - durchaus nicht beschönigend, sondern mit allem Für und Wider. Bestimmte Regionen dieser Welt aber einfach zu ignorieren bzw. so zu tun, als dürfte es sie für Kinder und Jugendliche einfach nicht geben, halte ich für keinen guten Weg.

Jedenfalls sollte Zangerles Fundamentalopposition gegen die Digitalpädagogik nicht unwidersprochen als (einzige) Meinung eines Kinder- und Jugendpsychologen stehen bleiben. Es geht schließlich auch um die Glaubwürdigkeit unseres Berufsstandes bei den Menschen, mit denen wir täglich arbeiten - Kinder, Jugendliche, Eltern - und von denen wir wollen, dass sie sich weiterhin an uns wenden - im Vertrauen darauf, dass wir sie verstehen.

(DER STANDARD, Printausgabe, 25.6.2002)

Der Autor ist Klinischer Psychologe und Psychotherapeut in Wien.
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