Globale Verschachtelungen

25. Juni 2002, 13:23
posten

"Der globale Komplex" im O.K Centrum für Gegenwartskunst und im Grazer Kunstverein

Graz/Linz - Eine Kooperation zwischen Linzer O.K Centrum für Gegenwartskunst und Grazer Kunstverein widmet sich den Komplexitäten und Komplikationen, wie sie eine globalisierungserprobte, auf Hegemonialansprüche und Differenzen kultureller Identitäten und Codes Acht habende Weltsicht zutage befördern vermag.

Für den Linzer Teil (bis 14. 7.) darf eine Erlebniswertgarantie abgegeben werden. Danica Dakic' Projektion aneinander gereiht sprechender Münder oder Cildo Meireles' aus Hunderten Radios gebauter, in den unterschiedlichsten Frequenzen lärmender Turm stellen die Sprachverwirrung zu Babel atemraubend albtraumhaft ins verdunkelte Ambiente.

Anne & Patrick Poiriers Snooker-Verfremdung wargame erklärt die Welt gar mühelos. In die Kugeln sind die Namen gegeneinander ausgespielter oder sonst wie kriegerisch traktierter, in die Queues jene der machthabenden Staaten und Ideologien eingraviert. Der ganze Raum ist mit den Schnitzeln alter Geldscheine ausgelegt, und jedes Versenken einer Kugel löst ein Explosionsgeräusch aus: Exzessiv eingesetzte Didaktik mildert Fehldeutungsängste rasch und effizient.

Umso stiller geht es im Grazer Kunstverein bis 7. 7. ans Thema. Der veranschaulichungsfeindliche Widerstand auf weite Strecken undurchsichtig angelegter Globalvernetzungen bleibt in der Hermetik so mancher hier präsentierten Positionsbestimmung mitreflektiert. Simon Starlings von allen Seiten ästhetisierungsbereit fotografierter, zweifarbiger Fiat 126 soll dem Titel nach Assoziationen zur polnischen Flagge aufrufen.

Emblematisch steht er sodann für die Verzahnung nationaler Identitäten via Vorgeschichte: der in Nachzeichnung kostensparender Produktionsverschiebungen unternommenen Fahrt von Turin nach Bielska-Biala, wo der Künstler die Hälfte der rot lackierten Karosserieteile seines Gefährts gegen weiß lackierte eintauschen ließ.

Um einiges konzeptbeladener als verstaubter Minimalismus sonst wird Florian Pumhösls an die Wand gelehnte Glasplatte zur oeuvrekonformen und materialgerechten Chiffre architektonisch begleiteter Kolonialisierungsmodernität in kritischer Referenz auf systemimmanente Zerbrechlichkeiten (oder so ähnlich). Weit idealer ergänzt da die während der Grazer Ausstellung auch in Kopenhagen affichierte Inversion rechtspopulistischer Plakativität der dänischen Gruppe Superflex ("Foreigners, please don't leave us alone with the Danes") die an die gegenüberliegenden Wand projizierte Dokumentation einer gegen die deutsche Abschiebungspolitik und ihre "Vollstreckerin" Lufthansa gerichteten Protestaktion. Auch hier kann die Frage nach der Vorgeschichte nicht schaden. (DER STANDARD, Printausgabe, 25.6.2002)

Von Ulrich Tragatschnig

Links

O.K. Linz

Grazer Kunstverein

Share if you care.