Damit Suhrkamp bleibt, was Suhrkamp heißt

24. Juni 2002, 19:46
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Stiftungen sollen Verlage intellektuell sichern

Frankfurt am Main/Berlin - Die zunehmende Konzentration in der Verlagsbranche, der Aufkauf mittelgroßer Verlage durch Konzerne wie Holtzbrinck, Axel Springer oder Random House/Bertelsmann beschwört unter deutschsprachigen Programm-Verlegern seit Jahren düstere Zukunftsvisionen herauf.

Nur die wenigsten, wie Diogenes-Eigentümer Daniel Keel oder Klaus Wagenbach, sehen sich in der Lage, ihre Häuser in gesicherten finanziellen Verhältnissen familienintern an die nächste Generation zu übergeben, also ihr Reich dynastisch zu sichern.

Die Lösung allerdings, die nun Suhrkamp-Patriarch Siegfried Unseld mangels Nachfolgers - da er sich mit seinem verlegerisch interessierten Sohn Joachim und allen anderen Verlagsleitern hoffnungslos zerstritten hatte - installierte, könnte Vorbildwirkung in der gesamten deutschsprachigen, wenn nicht europäischen Verlagsbranche zeitigen: Siegfried Unseld setzte - der STANDARD berichtete - eine Stiftung ein, die die Aufgabe hat, die Gesellschafterrechte für seine Mehrheitsbeteiligung bei Suhrkamp (51 Prozent) künftig zu vertreten, also gewissermaßen in seinem Namen zu agieren.

Unselds Coup ist die gelungene Zusammensetzung des Stiftungsrats, neben dem Stiftungsvorstand das zweite konstitutive Stiftungsorgan. Der Suhrkamp-Rat besteht aus fünf Größen, die das inhaltliche Programm des Verlags personifizieren: Jürgen Habermas, Hans Magnus Enzensberger, Alexander Kluge, Wolf Singer, Adolf Muschg.


Inhaltliche Zukunft

Dieser Rat soll nach Unselds Tod nicht nur das materielle, sondern auch das ungleich wichtigere intellektuelle Fortbestehen des Suhrkamp-Verlags in seinem ursprünglichen Geist sichern. Zwar übt der Stiftungsrat de jure nur beratende Funktion aus, doch seine "moralische Macht", wie Bernd F. Lunkewitz sie bezeichnet, der Aufbau-Verleger, der für sein Haus eine ähnliche Konstruktion vorbereitet, sei derart gewichtig, dass de facto wesentliche Verlagsentscheidungen nicht ohne Zustimmung des Rats getroffen werden können. Und für dessen innere Unabhängigkeit sorgt das Kooptationsrecht zu seiner Besetzung: Neue Mitglieder werden allein ratsintern durch die amtierenden Räte bestimmt.

Weiters ist allein der Rat berechtigt, den Stiftungsvorstand neu zu bestellen, den im Falle von Siegfried Unselds Tod dessen Ehefrau Ulla Berkéwicz-Unseld einnimmt. Der Stiftungsvorstand wiederum kann über die Gesellschafterversammlung, bei der die Stiftung die Mehrheit besitzt, bei Meinungsverschiedenheiten in Entscheidungen der Geschäftsleitung eingreifen. Auf lange Zeit betrachtet, übt der Rat durch personelle Entscheidungen so auch eine De-facto-Macht über die Geschicke des Hauses aus.

Zudem fließt der Hauptgewinn bei dieser institutionellen Lösung nicht in familiäres Privatvermögen, sondern in den Verlag zurück.


Aufkauf verhindert

Auch ein Aufkauf scheint verhindert: Eine Stiftung kann nicht übernommen werden, da sie sich gewissermaßen selbst gehört, nicht in veräußerbare Anteile aufgesplittert werden kann.

Seit Jahren bereits plante Siegfried Unseld die Stiftungslösung, die endgültig erst nach seinem Tod in Kraft tritt, bis ins Detail. Jahrelang aber lag sie auf Eis, da Stiftungsrecht in Deutschland als Landesrecht gilt und der Genehmigung der zuständigen Regierung bedarf, in Unselds Fall also durch Hessen. Der Vorgang verschleppte sich.

Weit länger noch scheint es zu dauern, bis Bernd F. Lunkewitz seine Anteile am Aufbau-Verlag in eine Stiftung überführen kann, um dem Verlag seine "ästhetische und künstlerische Tendenz zu sichern", die er mit "Aufklärung, Emanzipation" umreißt.

Vorher noch muss er die Eigentumsrechte endgültig klären. Aufbau gehört Lunkewitz nämlich doppelt - und folglich eigentlich gar nicht: einmal (1991) erwarb er über eine Holding 75 Prozent des Verlags von der Treuhand. Jahre später hieß es, der Verlag sei nie Eigentum der SED gewesen, sondern Privatbesitz des Kulturbunds, der ihn 1945 gegründet hatte. Lunkewitz kaufte erneut (1995), diesmal privat, diesmal 100 Prozent.

Zur Klärung liegt der Fall seit Jahren beim Europäischen Gerichtshof. Bevor das Land Berlin weitere Jahre über der Genehmigung einer Stiftung brüten kann. Doch Lunkewitz hat Zeit, mit Mitte Fünfzig gehört er einer jüngeren Generation an als Siegfried Unseld. (Cornelia Niedermeier/DER STANDARD, Printausgabe, 25.6.2002)

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