Große Kugeln am Grab großer Männer

25. Juni 2002, 10:21
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Klaus Pinter installierte zwei riesige spiegelnde Kugeln im Pariser Pantheon

Im Auftrag von "Monum", dem Amt für die Verwaltung von Denkmälern, hat der ehemalige Haus-Rucker Klaus Pinter zwei riesige Kugeln ins Panthéon gehängt. Deren bedruckte Außenseiten scheinen den Raum widerzuspiegeln.


Paris - Klaus Pinter, Mitbegründer der Haus-Rucker-Co in den 60er-Jahren, macht immer noch große Sprünge. Eine monumentale, schillernd-verführerische, pneumatisch-lebendige, über sich selbst hinauswachsende Ballon-Skulptur des Österreichers füllt bis zum 30. Sep-tember das Pariser Panthéon.

In einem historischen und architektonischen Musentempel der Franzosen, da, wo die als unsterblich eingestuften "großen Männer und Frauen der Nation" (bzw. ihre Asche) symbolträchtig aufbewahrt sind, wo Staatspräsident Fran¸cois Mitterand seine Regierungszeit mit einer Rote-Rosen-Zeremonie begann, interveniert Klaus Pinter mit seiner Riesenskulptur im Auftrag von Monum, dem Amt, das die unter Denkmalschutz stehenden Gebäude verwaltet.

Der Titel der Veranstaltung ist - bereits sprachlich - ein doppelschichtiges Programm, das die Kurzlebigkeit dieses Pinterschen Werkes gleich ankündigt: Rebonds, une oeuvre éphémère pour le Panthéon par Klaus Pinter. "Rebonds" ist der Aufprall, das Zurückschnellen eines Ball(on)s auf dem / vom Boden, heißt aber auch (und das ist im Werkkursus von Pinter höchst wichtig) "nach einer Pause eine neue Entwicklung durchmachen".

Denn mit seiner doppelten Kugelplastik macht Pinter einen kurzen Sprung zurück ins Jahr 1967, wo die Haus-Rucker-Co einen durchsichtigen Ballon für Zwei an einer Hausfront im ersten Stock in der Apostelgasse befestigten. Ein Foto dieser Aktion war voriges Jahr im Centre Pompidou in der Ausstellung Les années Pop zu sehen.

Die lustvolle Liebespaarkomponente von damals wird nun zur reinen Schaulust: In zweijähriger Vorbereitungszeit hat Pinter unter der zentralen bemalten Kuppel des Panthéon zuerst einen enormen PVC-Ballon (Durchmesser: zwölf Meter) sozusagen maßgeschneidert inkorporiert, dessen farbig bedruckte Außenseite wie ein reflektierendes Farbfoto der darüber befindlichen Kuppel wirken soll. Schräg verschoben, in die nächste, nur durch weiße Reliefornamente geschmückte Kuppel hineinwachsend, schiebt sich ein zweiter, transparenter Ballon, der zehn Meter hoch über dem Boden schwebt. Auf dessen Außenseite in schwarzer Serigrafie das Reliefornament der zweiten Kuppel gedruckt wurde.

Dazu spiegeln sich die rund- um existierenden Fenster mit ihrem zart gefärbten Glas irisierend im zweiten Ballon wider. Die zwei (Welt-)Kugeln sind von weißen Schlauchadern umschlungen, die sie wie eine immense Nabelschnur verbinden.

Die Skulptur ist exakt auf die Proportionen der ehemaligen Kirche abgestimmt, stellt aber gleichzeitig eine bewusste Störung, einen Stilbruch dar: eine Konfrontation mit der vorhandenen, historisch aufgeladenen Architektur des 1791 säkularisierten Gebäudes. In den letzten Jahren hing das von Umberto Eco verewigte Foucaultsche Pendel von der Kuppel herunter, in die nun Pinters pneumatische, auch mit der astronomischen Komponente des Ortes liebäugelnde Skulptur hinaufragt. (Olga Grimm-Weissert/DER STANDARD, Printausgabe, 25.6.2002)

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