Männer der Wende Serbiens vollziehen Bruch

24. Juni 2002, 19:03
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Kostunica kündigt Bündnis mit Djindjic

Der serbisch-montenegrinische Präsident Vojislav Kostunica wirkte am Wochenende sehr nervös. Ganz entgegen seiner Manier nahm sich der sonst zurückhaltende, ruhige Mann die Freiheit, seine bisherigen Koalitionspartner von der in Serbien regierenden DOS zu verdammen: "Der Koalitionsvertrag existiert nicht mehr. Uns bindet nur noch das Wort, das wir den Wählern gegeben haben."

Als Teil der aus 18 Parteien bestehenden DOS hatte die Demokratische Partei Serbiens (DSS) unter dem Vorsitz von Kostunica vor knapp zwei Jahren das Regime von Slobodan Milosevic im Volksaufstand zum Sturz gebracht. Nun ist der Bruch zwischen den beiden wichtigsten Protagonisten, die für Serbiens Aufbruch nach Europa standen - dem Staatspräsidenten Kostunica und dem serbischen Premier Zoran Djindjic - besiegelt.

Mit einigen an der Grenze der Legalität angesiedelten Tricks hat Djindjic die Gegner aus dem bisher gemeinsamen Lager ausgebootet. Die DSS hat ihre Vertreter aus der serbischen Regierung längst abberufen, die Mandate im serbischen Parlament zurückgegeben und eine Schattenregierung gebildet. Neuwahlen werden immer öfter gefordert, doch Djindjic, der alle Machthebel in Serbien betätigt und sich eine Mehrheit im Parlament gesichert hat, will sie vermeiden, weil sie angeblich Reformen und die Annäherung an Europa gefährden.

Djindjic setzt dagegen auf rasche Wahlen eines neuen serbischen Präsidenten, und zwar während Kostunica, der die Präsidentschaftswahl leicht gewinnen könnte, noch mit der Schaffung einer neuen Form von Staatengemeinschaft "Serbien und Montenegro" beschäftigt ist. Kostunica protestierte: vor den Wahlen müsse Serbien zumindest eine neue Verfassung verabschieden. Djindjic hat die Exekutive und die Medien fest in der Hand und gute Aussichten, seinen Willen durchzusetzen.

Der Witz der Serben, der stets bezeichnend für die politische Lage war, fragt diesmal: "Was ist der Unterschied zwischen Kostunica und Djindjic?" Die Antwort: "Kostunica denkt wie Milosevic, aber Djindjic handelt wie Milosevic!" (Der STANDARD, Printausgabe, 25.6.2002)

Von Andrej Ivanji aus Belgrad
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