500.000 Palästinenser unter Ausgangssperre

25. Juni 2002, 06:33
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Arafats Amtssitz neuerlich umstellt - Hamas kündigt Vergeltung für "gezielte Tötung" an

Das Drehbuch wird heruntergespult, und der Wiederholungseffekt scheint alle Akteure abzustumpfen. Noch vor Morgengrauen rollten am Montag Dutzende israelische Panzer und Armeefahrzeuge wieder in Ramallah ein, fast routinemäßig wurde Yassir Arafats Hauptquartier umstellt und der Eingang mit Schutt verbarrikadiert, um bewaffnete Palästinenser daran zu hindern, sich in dem Komplex zu verbergen.

Die Verwaltungshauptstadt des Autonomiechefs ist das sechste und wichtigste der Bevölkerungszentren im Westjordanland, das nun völlig von den Israelis kontrolliert wird - und dies vermutlich auf Wochen oder Monate hinaus. Mehr als 500.000 Palästinenser können in den Autonomiegebieten deshalb nur stundenweise ihre Häuser verlassen - oder, wie am Montag in Nablus und Kalkylia, Maturaprüfungen in den Schulen.

Nach einer längeren Pause kehren die Israelis auch wieder zur Taktik der gezielten Tötungen zurück. So zerstörten Kampfhubschrauber bei Rafah im südlichen Gazastreifen mit Raketen zwei Taxis und töteten dabei sechs Palästinenser. Im Visier war der örtliche Hamas-Kommandant, der 29-jährige Yasser Resik, dem Überfälle in der Vergangenheit und Pläne für künftige Selbstmordattentate zugeschrieben werden. Mit ihm starben vermutlich zwei seiner Brüder, ein weiterer militanter Hamas-Mann, einer der Taxilenker und ein Passant. Ein Hamas-Sprecher kündigte danach "die Fortsetzung des Widerstands und des Heiligen Krieges mit allen verfügbaren Mitteln" an.

Die Palästinensische Behörde, unter dem militärischen Druck der Israelis und dem politischen Druck der USA, hatte zuvor wieder einen etwas energischeren Umgang mit den Terrorgruppen demonstriert. Rund zehn Islamisten waren in Gaza verhaftet worden, und Hamas-Gründer Scheich Ahmed Yassin wurde Montagfrüh für einige Stunden unter Hausarrest gestellt - er soll versprochen haben, seine Leibwächter zu entlassen und keine Interviews mehr zu geben.

Über Bedeutung und mögliche Folgen der neuen "Operation Entschlossener Weg" wurde indes in Israel weiter debattiert. Laut Exgeneral Yom-Tov Samia ist es "eine semantische Frage, ob wir dort eine Zivilverwaltung einrichten oder nicht: Im Moment, da wir im Gelände sind, tragen wir die Verantwortung für das Wohlergehen der Bevölkerung und die wichtigsten Dienste, die sie benötigt."(Der STANDARD, Printausgabe, 25.6.2002/red)

Von Ben Segenreich aus Tel Aviv
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