Matthias Platzeck: Vom grünen zum roten Hoffnungsträger

24. Juni 2002, 19:03
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Stolpe-Nachfolger und "Deichgraf" Matthias Platzeck gilt als kanzlertauglich.

Matthias Platzeck gilt als der Sonnyboy unter den deutschen Politikern. Der Potsdamer scheint fast immer gute Laune zu haben. Stets strahlt der Mann mit dem Stoppelbart Herzlichkeit und Optimismus aus - selbst in schwierigen Situationen. Während des verheerenden Hochwassers entlang der Oder in Brandenburg 1997 versuchte er mit unermüdlichem Einsatz den betroffenen Landsleuten Mut zuzusprechen. Weil er damals in Gummistiefeln die Schutzwälle erklomm und beim Aufschlichten der Sandsäcke selbst Hand anlegte, bekam Platzeck den Spitznamen "Deichgraf" verpasst.

Seit dem Hochwasser ist der Potsdamer bundesweit bekannt. Dieses Ereignis spülte ihn auch auf der Beliebtheitsskala nach oben und trug dazu bei, dass Platzeck fortan als erster Anwärter für die Nachfolge von Brandenburgs Ministerpräsident Manfred Stolpe galt. Im privaten Bereich geriet Platzeck während des Oder-Hochwassers in einen "Strudel der Gefühle", wie deutsche Gazetten berichteten. Der geschiedene Vater von drei Kindern verliebte sich in die prominenteste TV-Reporterin des öffentlich-rechtlichen Senders ORB.

Platzeck selbst bezeichnet sich als "spät berufener Sozialdemokrat". Erst fünf Jahre nach seinem Eintritt in Stolpes Kabinett trat er auch dessen Partei bei. In die Politik kam der damalige Hygiene-Inspektor über die DDR-Bürgerrechtsbewegung. In den Tagen der Wende kam er für die grüne Liga in die letzte DDR-Volkskammer und wurde Minister ohne Geschäftsbereich in der Übergangsregierung nach dem Mauerfall im November 1989 und der Wiedervereinigung im Oktober 1990.

Platzeck trat dem ostdeutschen Bündnis 90 bei, das mit den westdeutschen Grünen fusionierte, und wurde erster Umweltminister Brandenburgs nach der Wende. Als die Ampelkoalition 1994 zerbrach, beließ Stolpe ihn im Kabinett, obwohl er damals noch nicht der SPD angehörte.

1998 entschied sich Platzeck trotz eines Angebots von Gerhard Schröder, der den ostdeutschen Sympathieträger nach dem Wahlsieg in die Bundesregierung holen wollte, als Bürgermeisterkandidat in Potsdam anzutreten. Obwohl eine Wiederwahl eines PDS-Oberbürgermeisters als sicher galt, schaffte Platzeck es, dieses Amt zu erobern.

Dass er Schröders Offerte ausgeschlagen hatte, tat der Wertschätzung des Kanzlers keinen Abbruch. Er förderte Platzeck weiter und holte ihn in den SPD-Parteivorstand. Öffentlich nannte Schröder ihn einen Hoffnungsträger für die SPD.

Mit Niedersachsens Ministerpräsident Sigmar Gabriel repräsentiert der 48-Jährige nach seiner Wahl Mitte dieser Woche die jüngere Garde unter den SPD-Regierungschefs. Intern soll Schröder ihn sogar schon als "kanzlerfähig" bezeichnet haben. (Alexandra Föderl-Schmid/DER STANDARD, Printausgabe, 25.6.2002)

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