Euro steigt, doch Börsen fallen

25. Juni 2002, 13:40
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Analyse: Anleger flüchten aus dem Dollar in Anleihen des Euroraumes

Wien - Das Bild, dass sich derzeit an den internationalen Finanzmärkten bietet, ist ungewohnt: Der Euro steigt zum Dollar seit Monaten, die US- Börsen fallen, aber die Börsen Europas profitieren davon nicht. Im Gegenteil, sie fallen noch stärker.

Damit greift die von Analysten oft verwendete Erklärung, die internationalen Anleger würden Gelder an die europäischen Aktienmärkte umschichten und deshalb den Dollar schwächen, einfach nicht.

Euroanleihen statt US-Bluechips

Seit Jahreswechsel hat der Dow-Jones-Index - auf Eurobasis - 16,5 Prozent verloren, der deutsche Leitindex Dax hingegen über 20 Prozent. Dennoch ist der Euro um mehr als zehn Prozent von 0,89 Dollar auf 0,98 Dollar gestiegen. Was an den Aktienmärkten vermisst wird, findet sich an den Anleihemärkten. Die Investoren flüchten zwar aus US-Aktien, aber sie kaufen statt Microsoft, Ford und Exxon nicht Deutsche Bank, SAP und BP. Sie kaufen Euroanleihen - vornehmlich deutsche Anleihen. Die Bund-Future-Kurse sind gewaltig gestiegen.

Zäsur

"Völlig unbemerkt gab es etwa mit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 eine Zäsur, die dramatische Auswirkungen auf die großen internationalen Kapitalströme hatte", meint der Chefanalyst der Raiffeisen-Zentralbank, Peter Brezinschek. Die Zinsdifferenzen wären vor Renditedifferenzen an den Aktienmärkten in den Vordergrund getreten. Investitionen in Unternehmen selbst - Übernahmen, aber auch nur Beteiligungen über die Börse - wären auf ein Minimum gesunken.

Starke Schwankungen

Damit sind auch die starken Schwankungen an den Börsen zu erklären: Nur wenige Anleger engagieren sich, wobei schon relativ geringe Kauf- oder Verkauforder größere Kursbewegungen auslösten.

Brezinschek rechnet, dass die Zinsdifferenz auch noch einige Zeit die Richtlinie der Anleger sein werde. Erst wenn die Investoren wieder mehr Vertrauen in die Aktienmärkte gewinnen würden, könnte sich der Trend wenden: Und dann wären es einmal mehr die US-Börsen, die durch stärkeres US-Wachstum Anleger anziehen würden.

Begrenzter Höhenflug

Damit könnte auch der Höhenflug des Euro ein begrenzter sein. Was nicht unbedingt schlecht für die Wirtschaft des Euroraumes sein muss, immerhin waren die Importe aus dem Euroraum für die USA und Japan bisher äußerst günstig. (DER STANDARD, Printausgabe 25.6.2002)

Von Michael Moravec

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