"Die meisten haben eh ein Zweitauto"

24. Juni 2002, 17:27
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Gespaltenes Stimmungsbild zum Postbus-Streik am Beispiel Kärntens

Klagenfurt - "Also das kann's ja wohl nit sein, dass man unsere Dörfer einfach von der Außenwelt abschneidet. Wo die öffentlichen Verkehrsadern fehlen, stirbt früher oder später die ganze Region." Karl Markut, SPÖ-Bürgermeister von Sankt Stefan im Lavanttal findet den Postbus- Streik ganz in Ordnung. Die knapp 2000 Seelen zählende Gemeinde, eingebettet in eine unberührte Naturlandschaft fernab der großen Verkehrsströme, ist ein blühendes Dorf - fast ein kleines Paradies.

Noch gibt es eine funktionierende Infrastruktur: einen Spar- und einen Adeg-Markt, Gasthäuser, zwei Schulen, Post, Friseur, Arzt und Apotheke. Und - laut Volkszählung von 2001 - eine Zuwandererrate von 4,95 Prozent. "Die Leute aus der Stadt ziehen eben zu uns, weil es alles gibt", sagt der Bürgermeister.

Tiefe Risse im Paradies

Doch das Paradies hat tiefe Risse bekommen: Es gibt zuwenig Arbeit. Vierzig Prozent müssen auspendeln. Einige von ihnen - wie Maria M. - benutzen den Postbus, um an ihren Arbeitsplatz in die Bezirkshauptstadt Wolfsberg oder nach Klagenfurt zu gelangen. Maria M. hat keinen Führerschein. Daneben gibt es auch viele Schüler, die ins Stiftsgymnasium St. Paul oder nach Wolfsberg müssen.

"Die privaten Busunternehmer werden sich nur die lukrativen Linien unter den Nagel reißen. Die übrigen wird man auflassen - aus Kostengründen." Es sei "schon eine verkehrte Welt", meint Bürgermeister Markut, "da redet die Regierung dauernd von der Stärkung des ländlichen Raums. Und dann passiert genau das Gegenteil. Schulen werden geschlossen, die Post, der Gendarmerieposten und die Postbuslinien. Wie soll ein Dorf da überleben?"

"Man muss flexibel sein"

"Man muss flexibel sein", sieht dagegen der Millstätter Bürgermeister Josef Pleikner (ÖVP) wegen des Postbus- Streiks Rot: "Alles nur politisch! Die Opposition denkt sich halt: Wenn wir's mit dem Diskutieren nicht mehr schaffen, dann zeigen wir's denen eben mit der Gewerkschaft."

In Millstatt habe die Post schon vor vier Jahren unrentable Buslinien eingestellt. Ein Problem sei das nur für die Pensionisten ohne Führerschein. Da sei die Privatwirtschaft eingesprungen. "Und, Hand aufs Herz", so Pleikner, "die meisten haben heut' doch eh schon ein Zweitauto." (Elisabeth Steiner, DER STANDARD, Printausgabe 25.6.2002)

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