Djindjic ist manch einem Landsmann allzu pragmatisch

24. Juni 2002, 16:13
2 Postings

Öffentlichkeit scheint Kostunica seine Unentschlossenheit nicht übel zu nehmen

Belgrad - Der serbische Ministerpräsident Zoran Djindjic sieht sich einmal mehr mit seinem alten "Problem" konfrontiert. Der "deutsche Schüler", wie der Regierungschef seit Jahren mal im positiven mal im negativen Sinn bezeichnet wird, gilt bei vielen seiner Landsleute als zu pragmatisch. Der heute fünfzigjährige Sohn eines jugoslawischen Konterspionageoffiziers, der nach dem Philosophiestudium in Belgrad jahrelang in Deutschland gelebt hatte, wo er 1979 in Constanz auch seinen Doktortitel erworben hatte, wird von Kritikern in Belgrad immer häufiger auch als arrogant bezeichnet.

Der interimistische Ministerpräsident hat zwar eine zahlenmäßig große Regierung im Jänner des Vorjahres gebildet. Wahren Einfluss sollte er allerdings nur auf die Wahl der kleinen Expertengruppe - darunter befinden sich der Finanz- und der Privatisierungsminister Bozidar Djelic und Aleksandar Vlahovic - gehabt haben. Den Rest hatten zumeist DOS-Bündnispartner - 17 politische Parteien - bestellt.

Djindjic und seine Experten haben in den letzten Monaten einen für Serbien gänzlich neuen Arbeitsstil in der Regierung eingeführt. Ihre Entschlossenheit, die Staatsfinanzen in Ordnung zu bringen und die tief verschuldeten staatlichen Firmen umzubilden und zu privatisieren, ist dabei nicht populär. Alleine in diesem Jahr dürften dadurch etwa 60.000 Arbeitnehmer arbeitslos werden. Dabei sind nach offizieller Statistik bereits 800.000 Erwerbsfähige ohne feste Arbeit.

Erst vorige Woche ließ Djindjic seine "serbenfremde" Denkweise wieder einmal erkennen. Wenn man Geld brauche, solle man eben jede Arbeit, die sich anbiete, auch annehmen. Auch er habe einmal Bus gefahren, kommentierte der Ministerpräsident die angeblich mangelnde Arbeitslust seiner Landsleute.

Als "typisch Djindjic" gilt in Belgrad die im Vorjahr blitzschnell umgesetzte Regierungsentscheidung über die Wiedereinführung des Religionsunterrichtes nach rund fünfzig Jahren. Sie war unmittelbar nach der Überstellung des früheren jugoslawischen Präsidenten Slobodan Milosevic an das UNO-Tribunal erfolgt, als Djindjic auch öffentlicher Kritik seitens des jugoslawischen Staatschefs Kostunica ausgesetzt war. Die Überstellung wiederum erfolgte nur einen Tag vor der internationalen Geberkonferenz, deren Erfolg wiederum von der Auslieferung des Ex-Präsidenten stark abhängig war.

Ganz anders ergeht es indes Kostunica. Der jugoslawische Präsident, der immer wieder schwierige Entscheidungen durch die Berufung auf "den Buchstaben des Gesetzes" zu vermeiden vermag, erfreut sich weiterhin der größten Popularität unter den DOS-Führern. Die Öffentlichkeit scheint ihm seine Unentschlossenheit nicht übel zu nehmen. Die häufig berechtigte Kritik an der Wirkungsweise seines Rivalen Djindjic scheint die Popularität von Kostunica nur noch zu festigen.(APA)

Share if you care.