"Wir sind empört, unsere Wut wächst"

26. Juni 2002, 19:09
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Im afrikanischen Mali findet ein "Gipfel der Armen" unter freiem Himmel statt

Bamako - Parallel zum "Gipfel der Reichen" in Kanada findet in Mali ein "Gipfel der Armen" statt. Rund 200 Delegierte aus Mali, Niger, Senegal, Guinea und Burkina Faso werden im 50 Kilometer von der Hauptstadt Bamako entfernten Dorf Siby erwartet. Der Ort ist symbolträchtig: Hier arbeitete im 13. Jahrhundert Sundiata Keita, der Gründer des westafrikanischen Großreiches von Mali, eine Verfassung aus. Bei den Malinke-Völkern Westafrikas gilt Sundiata noch heute als Nationalheld.

Veranstalter des Gegengipfels ist der malische Zweig der weltweiten Initiative Jubilee 2000, die sich unter anderem für eine Entschuldung armer Länder einsetzt. "Wir wollen das Feld nicht allein den Reichen überlassen. Wir haben beschlossen, nicht zu schweigen, wenn sie über uns reden", sagt der Generalsekretär von Jubilee 2000 in Mali, Doantie Dao. Der Initiative gehören in dem westafrikanischen Land rund 50 örtliche Nichtregierungsorganisationen an.

Die Wahl fiel auch deshalb auf Siby, weil es dort nach Angaben der Veranstalter "keinerlei Spur von Entwicklung" gibt. Getagt wird im Freien - im Gegensatz zu den Staats-und Regierungschefs der sieben wichtigsten Industriestaaten und Russlands (G-8) in Kanada, die sich aus Furcht vor Demonstrationen der Globalisierungsgegner in einen abgelegenen und abgeschirmten Skiort zurückziehen.

An der Politik von Internationalem Währungsfonds (IWF), Weltbank und Welthandelsorganisation (WTO) lassen die Organisatoren des afrikanischen Gegengipfels kein gutes Haar. Statt einer "homöopathischen Schuldenerleichterung mit maßlosen Zinsen" für die unterentwickelten Länder fordern sie die Streichung aller Schulden.

Für das Problem von Hunger und Mangelernährung in Afrika sei eine radikale Lösung erforderlich, sagt Nuhun Keita von Jubilee 2000. "In einer Zeit, in der ein US-Bürger 45-mal mehr und besser isst als ein Afrikaner", müsse dies zu den vordringlichsten Anliegen der "freien Welt" gehören. "Wir sind empört, unsere Wut wächst. Die Bevölkerung in den Entwicklungsländern lebt zu mehr als 70 Prozent in Armut. Die Weltordnung gehört verändert." (DER STANDARD, Printausgabe, 27.6.2002)

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