Im Museumsfreibad

24. Juni 2002, 17:00
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Ein Bade-, Plansch- und Pinkelbecken mitten in der Stadt ...

Eigentlich, meinte A., sei das doch gar nicht der Rede wert. Wir saßen mit baumelnden Beinen auf einem schwarzen Schaumgummifloß, dümpelten Richtung Mumok und wurden alle paar Minuten von Kindern nassgespritzt, die zum Glück keinen Respekt dafür zeigten, dass dieses Floß doch unser Boot und nicht ihr Sprungturm war. Eigentlich wiederholte A., sei das alles doch nicht der Rede wert. Weil es selbstverständlich sein sollte, dass der größte autofreie Platz der Stadt von den Menschen als Lebensraum okkupiert und benutzt wird. Bloß, gab dann auch A. nach einem kurzen Kontrollblick und einem zweiten in ihr Erinnerungs-Bildarchiv ihres Wiener Lieblingsplatzes zu, bloß sind Sätze, die mit "eigentlich" beginnen meistens schon ein Teil der Beweisführung dafür, dass irgendwas nicht stimmt.

Denn dass es auf dem großen Platz des Museumsquartiers jetzt ein echtes Kinderfreibad gibt, hat sich so ergeben. Ganz ohne PR-Pomp von Rathaus oder MQ-Verwaltung. Ganz ohne Selbstbeweihräucherung irgendwelcher Honoratioren. Eher im Gegenteil: Das Freibad ist passiert. Denn wer traut sich im Hochsommer schon zu brüllen, wenn Vierjährige das nahe liegende tun und ein Stück knietief wasserbefüllter und ach so großartiger, wundervoller, und überragender Großstadtmuseumsarchitektur - also Kunst - mir nix dir nix für die sinnvollste aller Nutzungsformen umwidmen: In ein Bade-, Plansch- und Pinkelbecken mitten in der Stadt.

Wasser ist Leben

Dass dadurch das Café im Leopold-Museum im Rennen um den Titel des angenehmsten Cafés im MQ derzeit die Nase auch vor der Halle hat, ist eine angenehme Nebenerscheinung: Wo Wasser ist, ist Leben. Und rund um den knietiefen Pool beim weißen Block ist eindeutig eine ganze Menge davon zu finden. Nicht nur im Vorschulalter: Waren es am Anfang der Hitzewelle vor allem Mütter mit Kindern, die den Rand des Beckens aufsuchten, wanderten im Laufe der ersten heißen Tage immer mehr kindlose und erwachsne Menschen mit Getränken an und in den Pool.

Daran sind aber auch die Möbel schuld: Die wundervollen schwarzen und roten Schaumstoffwürfel schwimmen nämlich manchmal auch dann noch, wenn ein - manchmal auch zwei - Erwachsene darauf liegen. Und die Leopold-Kellner drücken ein Auge zu, wenn Gläser und Häferln von den Tischen ans Becken (und danach wieder zurück) wandern: Der Pool vor dem Café-Leopold wurde rasch zu einem fixen Bestandteil des After-Work-Chillouts oder einfach des Zwischendurch-Abhängens der Leute der Umgebung. Ganz von selbst.

A. nickte, hob ihr Glas und strampelte ein bisserl mit den Füßen im Wasser. Dann blickte sie auf die überall herumknotzenden Leute auf den anderen Schaumgummiquadern und die Kinder im Wasser. Alles wunderschön, sagte sie dann. Trotzdem komisch, dass es hier tatsächlich auffällt, wenn sich der Platz auch nur ansatzweise in einer Form präsentiert, die doch eigentlich selbstverständlich sein sollte.

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