Arafats Amtssitz umzingelt

24. Juni 2002, 14:01
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Raketenangriff auf Taxis fordert sechs Tote - Hamas kündigt Vergeltung für "gezielte Tötung" an

Gaza/Ramallah - Die israelische Armee ist erneut in Ramallah einmarschiert und hat das Hauptquartier des palästinensischen Präsidenten Yasser Arafat mit Panzern umstellt. Bei einem Kampfhubschrauberangriff sind am Montag im südlichen Gaza-Streifen mindestens sechs Palästinenser getötet und zehn weitere zum Teil schwer verletzt worden. Drei der Getöteten waren aktive Mitglieder der radikalen Hamas-Gruppe, unter ihnen der 29-jährige Yasser Rizk, den Israel für einen Überfall verantwortlich macht, bei dem im Jänner vier israelische Soldaten getötet wurden. Nachdem die Palästinenser-Regierung den Hamas-Gründer Scheich Ahmed Yassin unter Hausarrest gestellt hat, ist es in Gaza zu schweren Zusammenstößen zwischen Hamas-Anhängern und der palästinensischen Polizei gekommen.

In Ramallah eingerückt

Dutzende Panzer und Militärfahrzeuge rückten vor Morgengrauen in Ramallah im Westjordanland ein. Arafat hielt sich zum Zeitpunkt des israelischen Einmarsches in seinem Hauptquartier auf. Vor dem Eingang errichteten die israelischen Soldaten mit Hilfe eines Bulldozers eine Barrikade aus Steinen und Schutt. Ein Militärsprecher bestätigte, die Truppen hätten sich an "strategischen Punkten in der Stadt" positioniert. Es war bereits das dritte Mal in diesem Monat, dass die israelische Armee Arafats Amtssitz umstellte. In Hebron, Jenin und anderen palästinensischen Städten wurden unterdessen rund ein Dutzend mutmaßlicher Extremisten festgenommen, die auf der israelischen Fahndungsliste standen. Insgesamt galt für fast 600.000 Palästinenser eine Ausgangssperre, die in Nablus und Kalkilia am Montag vorübergehend aufgehoben wurde, damit die Bewohner einkaufen gehen konnten.

Die israelische Armee hat nach eigenen Angaben ein führendes Hamas-Mitglied "gezielt getötet". Soldaten hätten den 29-jährigen Rizk, einen wichtigen Hamas-Mann in Rafah, getötet, sagte ein Armeesprecher in Jerusalem. Rizk habe in den vergangenen Tagen Selbstmordanschläge in Israel vorbereitet. Am Morgen hatten zwei israelische Kampfhubschrauber nach palästinensischen Krankenhausangaben zwei Fahrzeuge nahe Rafah mit Raketen beschossen. Dabei seien sechs Palästinenser getötet und zehn weitere verletzt worden. Unter den Toten seien ein zweiter Hamas-Mann sowie zwei Brüder von Rizk gewesen. Demnach war Rizk krank und sollte ins Krankenhaus gebracht werden.

Bush-Rede erwartet

Die Hamas kündigte Vergeltung für den israelischen Raketenangriff an. Der "kriminelle Akt" werde nicht ungestraft bleiben, sagte ein führendes Hamas-Mitglied der Nachrichtenagentur AFP. Die Europäische Union und die Vereinten Nationen hatten die "gezielte Tötung" von Palästinensern durch das israelische Militär scharf verurteilt und als "inakzeptabel und gegen den Rechtsstaat gerichtet" bezeichnet. Die gezielten Morde seien ein Hindernis für den Frieden und würden nur neue Gewalt erzeugen.

Aus dem Weißen Haus in Washington verlautete unterdessen, Präsident George W. Bush wolle seine Nahost-Rede noch am Montag halten. Eine kurzfristige Verschiebung sei möglich, falls die Entwicklung der Lage dies erfordere. Bushs Berater hätten dem Präsidenten empfohlen, die Rede noch vor seiner Abreise zum G8-Gipfel in Kanada am Dienstag zu halten. Wie es hieß, wollte Bush die Errichtung eines palästinensischen Übergangsstaates vorschlagen. (APA/AP/dpa/Reuters)

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