Israelitische Kultusgemeinde plant Shoah-Dokumentationszentrum in Wien

24. Juni 2002, 09:19
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Muzicant ergreift Initiative: "Niemand weiss, was aus Haus der Geschichte oder Toleranz wird"

Wien - Die Israelitische Kultusgemeinde Wien (IKG) arbeitet an einem eigenen Konzept für ein Shoah-Dokumentationszentrum. Das berichtet das Nachrichtenmagazin "profil". In dem Zentrum, für das IKG-Präsident Ariel Muzicant auf Finanzierung durch Bund und Stadt Wien hofft, sollen vorhandene Archivbestände - auch von Simon Wiesenthal - konzentriert werden. Auch das Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstands (DÖW) könnte sich als selbstständige Einrichtung dort ansiedeln.

Muzicant will das Vorhaben aus der aktuellen Auseinandersetzung heraushalten: "Das Shoah-Zentrum steht nicht in Konkurrenz zu einem Haus der Geschichte oder Toleranz. Nachdem aber niemand weiß, was dort hineinkommt, habe ich die Initiative ergriffen." Der IKG-Präsident lässt an der Unzufriedenheit mit den Planungen der Regierung in diesem Zusammenhang aber keinen Zweifel. Die Regieung plant für 2005 eine große Staatsvertrags-Ausstellung, auf der dann die Schau eines künftigen "Hauses der Zeitgeschichte aufbauen soll. Muzicant dazu: Angesichts der mit dem Staatsvertrags-Jubiläum beauftragten Gruppe wolle er "unsere so wichtigen Dokumente dort nicht drin haben".

Als Standort für das von der IKG geplante Zentrum ist laut dem Magazin ein von der Kultusgemeinde bereits angekauftes Haus am Rabensteig in der Wiener City vorgesehen. Konzentriert werden sollen dort Bestände vor allem aus mehreren Quellen: Zum einen besteht großes Interesse, die unzähligen von Simon Wiesenthal zusammengetragenen Unterlagen über NS-Verbrechen in Wien zu behalten. Wiesenthal dazu: "Es gibt ja Wiesenthal-Zentren von Los Angeles bis Paris, und alle wollen etwas davon haben. Ich möchte, dass man auch in Wien weiß, was ich 50 Jahre lang gemacht habe."

Zum anderen ist die IKG selbst auf tausende wichtige und lange "vergessene" Originaldokumente über die Beraubung und Vertreibung von Österreichs Juden gestoßen; zugänglich gemacht werden soll darüber hinaus die bedeutende Antisemitika-Sammlung, die dem Jüdischen Museum vermacht wurde.

Muzicant will im Herbst der Bundesregierung und Wiens Bürgermeister Michael Häupl das mit Wissenschaftern erstellte Konzept vorlegen und um finanzielle Bedeckung ersuchen. Häupl habe sich bereits positiv geäußert. Er verlange aber ein eigenes Profil, "denn an den riesigen Vorbildern wie dem National Holocaust Memorial Museum in Washington können wir uns nicht messen". (APA)

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