Der Richter mit der Pfeife und dem Auto

24. Juni 2002, 11:24
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So schwer es einem auch fallen mag, das in Wort oder in Schrift festzuhalten - der Schiedsrichter ist ein Mensch wie du und ich. Bankbeamter, Friseur, Rechtsanwalt, Journalist, Fleischhauer. Afrikaner, Amerikaner, Europäer, Asiate, Australier. Hetero-oder Homosexueller. Mann oder Frau - Schmäh ohne; am 29. Juli 2000 leitete die Schweizerin Nicole Petignat als erste Frau eine Bundesliga-Partie in Österreich, Sturm Graz besiegte Ried mit 4:2, Ranko Popovic (Sturm) bedankte sich mit Handkuss.

Früher ist der Schiedsrichter nur Mann gewesen und natürlich Engländer. Er ist so alt wie der Fußball, auch als sein Geburtstag kann der 26. Oktober 1863 angesehen werden, an dem elf Londoner Schulen in der "Freemason's Tavern" die englische "Football Association" gründeten. Zunächst durfte der Unparteiische nur bei Reklamationen der Teamkapitäne eingreifen, 1889 bekam er alleinige Entscheidungsgewalt und zwei Linienrichter an seine und des Spielfelds Seite gestellt.

Die Linienrichter heißen heute Schiedsrichter-Assistenten - das klingt wichtiger -, und wie der Chef auf dem Spielfeld haben sie nun sehr oft bunte und nicht mehr schwarze Dressen an. Was freilich nichts daran geändert hat, dass die Fans auf der Tribüne oft von einem schwarzen Schwein singen und davon, dass sie wissen, wo das Auto des Schweins steht.

Bei der WM in Asien pfeifen nur Männer - vielleicht ist das ja das Problem, mit Handkuss spielt sich da nichts ab. Jedenfalls sind vor allem die Italiener und Spanier sehr empört und sprechen nach ihren Niederlagen gegen Gastgeber Südkorea von abgekartetem Spiel. Viele reden davon, dass die WM wegen der Schiri-Leistungen und des Heimvorteils in die Geschichte eingehen wird. Und sie vergessen dabei diverse Turniere mit Heimsiegen wie die WM '66, als das Wembley-Tor im Finale gegen Deutschland den Engländern den Titel bescherte. Geoff Hursts Schuss pendelte von der Latte, Linienrichter Bachramow (Sowjetunion) wollte den Ball hinter der Linie gesehen haben, Schiedsrichter Dienst (Schweiz) glaubte ihm.

17 Regeln des Weltverbands FIFA zwingen den Fußball in ein enges Korsett. Seit 1990 wird mit Adaptionen versucht, den Sport attraktiver (trefferreicher) zu machen.

Der Schiedsrichter hat sich anpassen müssen, seine Aufgabe ist schwieriger geworden, oft ist er aus der Schuld zu nehmen, weil kein freies Auge den Unterschied zwischen gleicher Höhe und Abseits feststellen kann. Die FIFA hat dem Schiri eine eigene Regel gewidmet, die Regel römisch fünf. In elf Absätzen sind seine Pflichten und Rechte aufgelistet - der wichtigste Satz aber steht schon in der Einleitung: "Seine Entscheidung über Tatsachen, die mit dem Spiel zusammenhängen", steht da, "ist endgültig." (Printausgabe Der Standard, 24.06.2002)

Von Fritz Neumann
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