Rating als Zauberwort für Anleihekursentwicklung

25. Juni 2002, 17:57
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US-Telekoms werden trotz geringerer Verschuldung schwächer bewertet als europäische

Wien - Der Telekomsektor ist derzeit arg gebeutelt. Nicht nur die Aktienkurse. Am Rentenmarkt ist die Krise ebenso evident, auch wenn die Kursverluste natürlich geringer ausgefallen sind, manche Anleihen sich von den Tiefpunkten längst wieder lösen konnten.

Ein Blick auf den internationalen Anleihe-Kurszettel zeigt: Rating ist das Zauberwort, das für die Kursentwicklung (freilich nicht nur) der Telekom-Anleihen entscheidend ist.

Karin Frauscher, Analystin in der Raiffeisen Zentralbank (RZB), hat im März in einer kleinen Studie auf einige bemerkenswerte Details hingewiesen. So ist die Bewertung europäischer und US-amerikanischer Telekom-Unternehmen durchaus unterschiedlich. US-Telekoms werden trotz geringerer Verschuldung schwächer geratet als europäische.

Der Hintergrund: "Im Ratingprozess werden Financial Risk und Business Risk berücksichtigt. Der hoch kompetitive und stark segmentierte US-Markt weist nach Ansicht der Standard&Poor's-Analysten deutlich höheres Business Risk auf, als dies für den europäischen Markt der Fall ist. Aus diesem Grund wird in Europa für gleiches Rating ein höherer Verschuldungsgrad akzeptiert."

Unter den Rädern

Das verhinderte aber nicht, dass Anleihen der Deutschen Telekom und der France Télécom unter die Räder kamen. Moody's und S&P stuften Deutsche Telekom von A3 beziehungsweise A- auf Ba1 bzw. BBB+ zurück, wobei Moody's mit der Bemerkung "Ausblick negativ" noch ein zusätzliches Fragezeichen hinter das Rating stellte. "Die Chance beträgt etwa 25 Prozent, dass in den nächsten 18 Monaten nochmals eine Änderung erfolgt", sagt Karin Frauscher. Die Bewertung hängt nicht zuletzt davon ab, zu welchem Preis die Deutsche Telekom ihre Kabelnetze verkaufen kann. Im Vorjahr war der Verkauf an den US-Konzern Liberty für 5,5 Mio. Euro am Einspruch des Kartellamtes gescheitert.

Bei France Télécom erwartet Frauscher ebenfalls eine Herabstufung. Die dürfte jedoch in den gegenwärtigen Kursen bereits weitgehend eingepreist sein.

Außerdem musste bei einigen Anleihen die Nominalverzinsung aufgrund des verminderten Ratings erhöht werden. Die jüngste Anleihe der Deutschen Telekom, die bei fünf Jahren Laufzeit bereits eine Nominalverzinsung von 7,5 Prozent trägt, sieht ebenfalls einen "step up" um 0,5 Prozent für jede Bonitätsrückstufung vor.

Renditenpanne erhöht

Die Renditespanne zu vergleichbaren Industrieanleihen hat sich seit März wesentlich erhöht. Aber auch der Renditeabstand zu an sich gleich gerateten, von den Investoren aufgrund ihrer Kapitalstruktur jedoch solider eingestuften Unternehmen - wie etwa Telecom Italia - ist wesentlich größer geworden.

Von diesen Ausreißern abgesehen, hat sich der europäi-sche Telekomsektor am Rentenmarkt recht gut gehalten. Bei einer Stabilisierung des Aktienmarktes erwartet Frauscher daher sogar eine Verminderung des Renditeabstandes zu sonstigen Industrieanleihen und zu den als Maßstab geltenden Staatstiteln. Ihre Empfehlung: für konservative Anleger die Anleihen der Telecom Italia, für spekulativere Depots die 6,375-Prozent-Anleihe des englischen Mobilfunkbetreibers mm02 (knapp fünf Jahre Restlaufzeit, Rendite über neun Prozent) und die länger laufenden Anleihen der Deutschen Telekom. (Nikolaus Dolenz, DER STANDARD, Printausgabe 24.6.2002)

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