Die epische Fülle des Trompetentons

23. Juni 2002, 19:29
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Trompeter Tomasz Stanko eröffnet den Polen-Schwerpunkt beim Jazzfest Wien

Der Trompeter Tomasz Stanko, einer der Protagonisten der ersten europäischen Free-Jazz-Generation, eröffnet den Polen-Schwerpunkt beim Jazzfest Wien. Signal eines neuen Selbstbewusstseins im europäischen Jazz.


Wien - Zurzeit nimmt er sogar Englischunterricht. Wenn es der prall gefüllte Terminkalender und die regelmäßigen Joggingläufe durch den Warschauer Centralny Park Kultury, nahe seiner Wohnung, denn zulassen. Ja, es hat allen Anschein, als würde sich Tomasz Stanko auf Kom- mendes vorbereiten. Obwohl er am 11. Juni seinen immerhin 60. Geburtstag feiert.

Tatsächlich: Nach Derek Bailey und dem von Chikago aus neu gehypten Saxofon-Brachialisten Peter Brötzmann erlebt mit Tomasz Stanko ein weiterer Protagonist der ersten europäischen Free-Jazz-Generation seinen zweiten Frühling. Es scheint, als hätte die improvisierte Musik nun auch in der Alten Welt genügend Geschichtsspeck angesetzt, um als authentische Tradition wahrgenommen und von jüngeren Generationen wiederentdeckt zu werden.

Immerhin war Stankos 1962 gegründetes Quartett Jazz Darings europaweit eine der ersten stabilen Gruppierungen, die sich dem freien Spiel widmeten. Keineswegs zufällig: Im Gegensatz zur DDR oder CSSR herrschte im kommunistischen Polen in jenen Jahren ein vergleichsweise liberales Klima, in dem Jazzer - deren Musik vor 1956 auch dort noch als "imperialistisches Gift" gebrandmarkt wurde - durch Reisefreiheit in Westländer enorme Privilegien genossen.

"Jazz war nicht so gefährlich für das Regime: Erstens war die Szene klein; zweitens war es Musik ohne Text. Jazzmusiker zu sein war schick, modisch, doch auch Ausdruck der Opposition", so Stankos indirekte Erklärung dafür, weshalb gerade Polen zum osteuropäischen Jazzland Nummer eins aufsteigen konnte. Auch und gerade durch den Pianisten Krzysztof Komeda, in dessen Formation Stanko in den 60ern wirkte und der bis zu seinem Unfalltod 1969 vor allem durch die Soundtracks zu den Filmen Roman Polanskis Berühmtheit erlangte.

Litania - The Music of Krzysztof Komeda lautet auch der Titel der 1997 eingespielten CD, für die Stanko im März dieses Jahres in Warschau die Goldene Schallplatte überreicht wurde. Es war ein nationales Medienereignis, das keinen Zweifel daran ließ, dass Stanko - nach einer wechselvollen Karriere mit einem drogenbedingten Tiefpunkt in den 80ern - insbesondere seit Matka Joanna (1994), seiner ersten CD für das Münchner ECM-Label nach 20-jähriger Pause, wieder Tritt gefasst hat.

Und eine neue Generation polnischer Musiker den Trom- peter mit dem unverwechselbar lyrischen, warmen Sound als Bezugsperson wieder entdeckt. Ausdruck dessen ist Stankos jüngstes CD-Opus Soul of Things, auf dem er drei hoch talentierte, international völlig unbekannte polnische Jungmusiker der Öffentlichkeit vorstellt.

"Ich mag diese spezielle Art von Frische, die nur junge Cats haben", meint er über diese Band, die er am Dienstag zum Auftakt eines dreitägigen Polen-Schwerpunkts (mit Zbigniew Namyslowski und Kuba Stankiewicz) im Rahmen des Jazzfests Wien präsentiert. Ein wichtiger Programmakzent im Kontext eines von internationalen Stammgästen - Marianne Faithfull (28. Juni), Taj Mahal (29. Juni), Carl Craig und Joe Zawinul (30. Juni), Isaac Hayes (1. Juli), Deodato/ Charles Lloyd (2. Juli), Herbie Hancock / Michael Brecker (3. Juli) - geprägten Programms. (Andreas Felber/DER STANDARD, Printausgabe, 24.6.2002)

Service

Tomasz Stanko Quartet:
25.6., 21 Uhr
Porgy & Bess

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