Unglückliche Liebe zur Geometrie

23. Juni 2002, 19:47
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Die 80. Opernfestspiele von Verona wurden heuer mit Franco Zeffirellis überladener Neuinszenierung von "Aida" eröffnet

Zum 80. Mal finden heuer in der Arena von Verona Opernfestspiele statt. Verdis "Aida", mit der sie heuer in Franco Zeffirellis überladener Neuinszenierung eröffnet wurden, erklang an diesem Ort allerdings schon vor 89 Jahren - ein Veroneser Zahlenrätsel.


Verona - Zahl 1 lautet 33 - bei so vielen Graden im Schatten mussten sich am vergangenen Freitag nicht wenige der insgesamt 14.000 (Zahl 2) Verdi-Fans aus den diversen am Stadtrand verstreuten Hotels zur Aida-Aufführung schleppen (mit teils langer Abendrobe bzw. Sakko und Krawatte, versteht sich), mit der die diesjährigen "Spettacoli" in der Arena von Verona eröffnet wurden. Anlass für diesen schweißtreibenden Opfergang war ein Streik der Busfahrer. Er verursachte einen Run auf die Taxis, der jeden Versuch einer telefonischen Bestellung zum Scheitern verurteilte.

Unter solchen Voraussetzungen ist die Frage, wie es denn sein kann, dass die Veroneser Festspiele erst (Zahl 3!) 80 Jahre alt sind, wenn doch die erste der 411 (Zahl 4!) Aida-Vorstellungen schon vor 89 (Zahl 5) Jahren stattfand, beinah schon eine rechnerische Meisterleistung.

Die Lösung liegt im skurrilen Respekt vor runden Geburtstagen, der offenbar über Österreichs Grenzen hinaus zumindest bis Verona reicht: Die erste Aida erklang in der Arena noch vor Gründung der Festspiele im Jahr 1913 (Zahl 6), mit der man in Anwesenheit der italienischen Musikprominenz, darunter Giacomo Puccini und Arrigo Boito, den Hunderter (Zahl 7) von Giuseppe Verdi beging.

Stünde es dafür, könnte man nun freilich gleich von der ältesten zur neuesten Aida-Vorstellung einschwenken. Doch eher verlockend scheint es, die Veroneser Zahlenspiele noch weiter auszubreiten. Ihre "Spettacoli" mögen den Italienern zwar am Herzen liegen, nicht wenigen aber liegt die in diesen Tagen abgehaltene Matura in Mathematik schwerer im Magen. Die regionalen Zeitungen überbieten sich jedenfalls im seitenlangen Abdruck der von den Schulbehörden ausgearbeiteten Rechenexempel nebst den Schritt für Schritt detailliert dargelegten Lösungsmöglichkeiten.

Verglichen damit ist die Veroneser Festspielarithmetik freilich ein Klacks: Von den 570.000 jährlichen Besuchern sind nur 53 Prozent Italiener, der Rest Ausländer. Mit den Einnahmen aus dem Kartenerlös (ca. 29 Millionen Euro!) lässt sich allerdings nicht viel Spektakuläres in die Arena hieven. Da müssen der Staat schon noch 15 und die Stadt Verona und die Regionalbehörde 1,75 Millionen herausrücken. Und auch dies würde noch nicht reichen, gäbe es nicht die braven Sponsoren, die nun, weil die öffentliche Hand zu keinerlei Valorisierung der auch in Italien grassierenden Teuerung (ein Zitronenwasser fünf Euro) bereit ist, schon fünf Millionen Euro zuschießen müssen.

Dieser stolze Gesamtetat von 51 Millionen Euro, den Festspielintendant Renzo Giaccheri durch seine diversen Tänze um das Goldene Kalb anhäuft, dürfte einer der Gründe sein, dass diese Spettacoli unter Italiens Kulturveranstaltungen so etwas wie eine Heilige Kuh darstellen. Auch die Presse behandelt Verona mit Glacéhandschuhen. Selbst der mit Kritik nie hinter dem Berg haltende Corriere della Sera behalf sich im Falle der neuen Aida mit einem außerordentlich zurückhaltend gewogenen Gastautor.

Der Großmeister klotzt

Das mag auch daran liegen, dass man gegenüber dem 79-jährigen Theater-und Filmgranden Franco Zeffirelli, der diese Aida, wie man sagt, inszeniert und ausgestattet hat, eine Beißhemmung hat. Zugegeben, Zeffirelli hat die Riesenbühne der Arena im Griff. Er weiß, dass man hier groß klotzen muss. Also klotzt er mit einer von 14 Sphinxen umgebenen riesigen Goldpyramide. Doch das couragierte Exempel der darstellenden Geometrie geht nicht auf. Der Grund für das Fiasko liegt in einer hoffnungslos versulzten Ästhetik: Übelster Cinemascope-Kitsch feiert beklemmende Urständ.

Auch das mit großem Trara angekündigte Debut von Riccardo Mutis Tenor-Darling Salvatore Licitra in der Partie des Radames ging voll daneben. Nicht nur, dass ihm kein einziger Hochton glückte, es gelang ihm auch nie, die dramatische Situation auch nur ansatzweise spürbar zu machen. Dies blieb allein Marianne Cornetti als Amneris und Fiorenza Cedolins in der Titelpartie vorbehalten. Ambrogio Maestri sang seinen Amonasro bisslos wie den Falstaff unter Riccardo Muti.

Wäre Letzterer zumindest am Pult dieser Aida gestanden! Der in Verona häufig als Premierendirigent amtierende Daniel Oren erreichte mit einem Maximum an groteskem gestischem Aufwand nicht einmal das Existenzminimum an musikdramatischer Spannung. So war es für die tags darauf aufgetischte Carmen nicht schwer, den Vorabend schnell vergessen zu lassen.

Obwohl, auch im szenischen Outfit von Zeffirelli ist diese acht Jahre alte Produktion ungleich stringent. Belastet von einer wenig schön singenden Micaela (Yolanda Auyanet) und einem Escamillo (Gregg Baker), dessen Stimme und Körpergröße leider verkehrt porportional scheinen, kam unter Alain Lombards lockerer Leitung phasenweise doch so etwas wie Oper auf.

Vor allem in der Schlussszene liefen Irina Mishura als Carmen und Luis Lima als Don José zu einer Hochform auf, die neben allem, was in der Arena bei diesen Temperaturen ohnedies schon dampfte, auch noch den Applaus zum Kochen brachte. (DER STANDARD, Printausgabe, 24.6.2002)

Von Peter Vujica

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verona.com

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