Zinserhöhung später

23. Juni 2002, 18:16
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Starker Euro lässt EZB Zeit

Frankfurt - Der starke Anstieg des Euro dämpft den Preisauftrieb in der Euro-Zone und verschafft der Europäischen Zentralbank (EZB) nach Ansicht von Volkswirten Zeit, mit einer Leitzinserhöhung noch zu warten. Doch für den Wechselkurs wie für die Konjunktur- und Zinserwartungen rückt ein Thema immer mehr in den Mittelpunkt: die Schwäche der Aktienmärkte.

"Mit jedem Prozent, das die Aktienmärkte fallen und der Euro steigt, nimmt die Wahrscheinlichkeit einer Zinserhöhung bereits im Juli ab", sagt Klaus Baader, Analyst von Lehman Brothers. Er gehört zur Minderheit der Volkswirte, die noch vor der EZB-Sommerpause im August mit einer Straffung der Geldpolitik rechnen. Baader begründet seine Prognose mit den verschärften Inflationswarnungen der Notenbank. Die EZB wird 2002 wohl im dritten Jahr nacheinander die Teuerungsrate nicht wie angestrebt unter zwei Prozent halten können. Und auch für 2003, wenn die Wirtschaft in der Euro-Zone nach Prognosen voraussichtlich mit knapp drei Prozent etwa doppelt so stark wachsen wird wie in diesem Jahr, ist das Ziel stabiler Preise noch nicht gesichert. Der Preisdruck rührt der EZB zufolge zunehmend von Binnenfaktoren her wie Dienstleistungen und Lohnerhöhungen.

Zeit bis September

"Aus fundamentaler Sicht steht die Zinserhöhung jetzt an, aber bei der schwachen Verfassung der Aktienmärkte müsste die EZB dazu schon viel Mumm haben", sagt Baader, der den von ihm erwarteten Juli-Termin für die Zinserhöhung zurzeit überdenkt. Der Kursanstieg des Euro gebe der EZB Zeit bis September, sagt Uwe Angenendt von der BHF-Bank. Über niedrigere Preise für Importe und Energie dämpfe der stärkere Euro die Teuerung und könne auf längere Sicht zudem den Aufschwung wegen sinkender Exporte bremsen. Die HypoVereinsbank hat wegen des Euro-Anstiegs zwar nicht den prognostizierten Zeitpunkt der Zinserhöhung verschoben, erwartet aber nur noch eine Anhebung um 25 Basispunkte auf einen Schlüsselzins von 3,50 Prozent. "Das Ausmaß der geldpolitischen Straffung kann geringer ausfallen", sagt HVB-Volkswirt Julian von Landesberger.

Ganz kann der Euro der EZB, für deren Zinspolitik der Wechselkurs eine unter vielen Variablen ist, die Preiskontrolle aber nicht abnehmen. Erst wenn der Euro-Kurs zu den Währungen der wichtigsten Handelspartner um zehn Prozent steige, sinke die Inflation deutlich um 0,6 Prozentpunkte, rechnet Baader vor. Seit Dezember ist der Euro handelsgewichtet aber erst um gut 3,5 Prozent gestiegen, während er allein zum Dollar seither um etwa neun Prozent auf zeitweise über 97 US-Cent am Freitag geklettert ist. Viele Analysten sehen die Gemeinschaftswährung auch weiterhin im Aufwärtstrend. Bis zum Jahresende sagt die HypoVereinsbank einen Kurs zum Dollar von eins zu eins vorher.

Vertrauen in US-Märkte verloren

Am Devisenmarkt hat es Landesberger zufolge einen Sinneswandel über den einst geschmähten Euro gegeben. Zurzeit passiere dem Dollar das, was früher dem Euro das Leben schwer gemacht habe: Von guten Konjunkturdaten profitiere er kaum, während schlechte Nachrichten etwa aus Nahost die Währung nach unten zögen. Die Volkswirte betrachten die Vertrauenskrise an den US-Aktienmärkten nach den Bilanzierungsskandalen und den nach wie vor trüben Gewinnvorhersagen der Unternehmen als Grund für die Dollar-Schwäche. Die Anleger hätten den Glauben an die langfristig hohen Wachstumsaussichten der US-Wirtschaft verloren und hielten die Aktien noch immer für überbewertet, sagt HVB-Analyst von Landesberger. Auch das hohe Leistungsbilanzdefizit der weltgrößten Volkswirtschaft wird als Risikofaktor für den Dollar gesehen, während dies der US-Währung jahrelang nichts anhaben konnte.

Sollte die Krise der Aktienmärkte nicht bald vorbei sein, werden die Notenbanken in den USA und der Euro-Zone in diesem Jahr womöglich gar nicht mehr die Zinsen erhöhen, erwarten die Volkswirte. "Wenn es nicht bald eine Wende gibt, sind die Aktienmärkte eine Gefahr für die Konjunktur", sagt Baader. BHF-Volkswirt Angenendt stimmt zu: "Je länger die Aktienmärkte schwach bleiben, um so länger wartet die EZB mit einer Zinserhöhung ab." Sinkende Aktienkurse dämpften den privaten Konsum und die Investitionen der Unternehmen, die jetzt so dringend für den Aufschwung gebraucht werden. Sollten die Aktienmärkte gar eine Abwärtsspirale bei der Konjunktur auslösen, wäre sogar eine Zinssenkung denkbar. Doch wie Baader hält Angenendt das zurzeit für reine Gedankenspiele. "Wir glauben noch an den Aufschwung im zweiten Halbjahr." (APA/Reuters)

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