"Deutschland gewinnt die WM, Amerika die Weltkriege"

22. Juni 2002, 11:13
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US-Erfolge bei Fußball-Weltmeisterschaft geben Anlass für amerikanische Kommentare zur Weltpolitik

Washington/Atlanta/New York - Das Ausscheiden der USA bei der Fußball-WM durch den 1:0-Sieg Deutschlands im Viertelfinale ist in den US-Medien am Freitag und Samstag eher ungerührt aufgenommen worden. "Fußball ist mir egal", meinte ein CNN-Moderator, denn ein Sport in dem man mit Eins zu Null gewinnen könne, sei nicht interessant, erklärte er in Anspielung auf die hohen Punkte-Ergebnisse beim American Football, Baseball oder Basketball. Nicht ganz ernst, aber auch nicht unzutreffend, schloss er seinen kurzen Kommentar mit einer Bemerkung über die wirklich entscheidenden "Schlachten": "Deutschland gewinnt die Weltmeisterschaften, Amerika gewinnt die Weltkriege".

In einem Kommentar der "New York Times" (Samstagsausgabe) unter dem Titel "Top Dog, Underdog" heißt es: "Fußball ist ein gemeinsamer globaler Zeitvertreib, der nicht von der amerikanischen Kultur dominiert wird. Daher hat ein Großteil der Welt mit einem gewissen Gefühl der Sorge die Erfolge des US-Teams bei der WM verfolgt, und mit gewisser Erleichterung das herzzerreißende Ausscheiden der Amerikaner im Viertelfinale gegen Deutschland registriert, übrigens bei einem von den Amerikanern dominierten Spiel."

Identifikation mit dem Underdog

"Die WM hat uns Amerikanern die seltene Chance gegeben, uns mit einem US-Team zu identifizieren, das ein klarer 'Underdog' war. Der Rest der Welt war aber gar nicht begeistert. Wo wir eine liebenswerte Truppe genügsamer Sportler sehen, die mit dem Enthusiasmus von College-Schülern die Weltmächte im Fußball herausfordern, sahen die anderen nur die Supermacht, die ihre Muskeln nun auch in ,ihrem Sport' spielen lässt", ist in dem Artikel zu lesen.

"Als Neulinge bei der Fußball-Weltmeisterschaft, einer Mischung aus Sport und Nationalismus, haben die Amerikaner vielleicht gar nicht begriffen, dass die USA gestern gefährlich nahe kamen, all das Vertrauen in Deutschland zu verspielen, das sie mit der Berliner Luftbrücke, dem Marshall Plan und einem halben Jahrhundert NATO-Partnerschaft aufgebaut haben", kommentiert die New York Times. "Ein US-Einzug ins Semifinale war das letzte, was (US-Außenminister, Anm.) Colin Powell gebraucht hätte. ..."

"Die Vereinigten Staaten werden beim Fußball immer besser werden und vielleicht eines Tages eine Weltmeisterschaft gewinnen. Für ein Land, in dem das gestrige Spiel nicht einmal von einem der großen Sender übertragen wurde, bleibt allerdings fraglich, ob Fans die Erfolge zu schätzen wissen und ob die weltweite Empörung darüber das ganze überhaupt wert wäre", so der Kommentator des amerikanischen Elite-Blattes.(APA)

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