Nachrichten vom platten Land

21. Juni 2002, 22:23
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Maarten't Harts exotische Erinnerungen

Es ist unschwer zu erkennen, dass diese Erzählungen zu einem Gutteil aus autobiografischen Erinnerungen gespeist werden. Maarten't Hart kam 1944 als Sohn eines Totengräbers in der Nähe von Rotterdam auf die Welt. Der kleine Bub, von dem ein Teil der Geschichten handelt, wächst in einer überaus frommen Umgebung auf, in der die Leute sich mit Bibelzitaten gegenseitig zu übertrumpfen versuchen, aber ungerührt ihre noch unverheirateten Kinder wie auf einem Viehmarkt verkuppeln.

Nicht wenige Verwandte sind äußerst skurril; manche haben einen Horror davor, mit Messer und Gabel essen zu müssen oder sich gar täglich zu duschen. Von endlosen Predigten umnebelt, eingebettet in eine dumpfe, pseudodörfliche Sippe, erregt der Knabe Aufsehen, der ausgerechnet in der unchristlichen Universität in Amsterdam studieren will. Und auch noch Biologie, wo doch jeder weiß, dass die Evolutionslehre vom Satan stammt.

Der Schriftsteller denunziert allerdings nie die merkwürdige kleine Welt auf dem platten Land, wo jeder Haushalt ein Harmonium hat, um darauf fromme Lieder zu spielen. Es scheint, als habe das Kind mit seiner genauen Beobachtungsgabe eine innere Widerständigkeit und Robustheit entwickelt; so beschränkt und gar nicht ins 20. Jahrhundert passend die ganze Sippe manchmal auch scheinen mag, gebricht es ihr doch nicht an drastischem Humor und instinktivem Überlebensmut.

Maarten't Hart hat tatsächlich Biologie studiert und als Ethologe gearbeitet, bevor er Schriftsteller wurde. Ein Liebesabenteuer auf einem Ethologen-Kongress weiß er denn auch mit jeder Menge stimmiger zoologisch-botanischer Details auszustatten Seine Begabung für finstere Phantastik erinnert manchmal an E.T.A. Hoffmann, wie etwa die Erzählung vom langsam verrückt werdenden Musikliebhaber in einer einsamen Villa. Manchmal halten sich Humor und Grusel die Waage. Tierliebhaber, die von angefütterten Ratten tyrannisiert werden, rülpsende Leichen - offenbar eine Episode aus dem Berufsleben des Vaters - und nachtschwarze Visionen vom Tod der Natur gehen mit den holzschnittartigen Rüpelszenen eine sehr eindrückliche Symbiose ein. Auf jeden Fall tut sich hier eine ungewöhnliche Sicht auf ein Land auf, das geografisch zu Europa gehört, aber durch die Brille des Autors eine geradezu exotische Note erhält. (Ingeborg Sperl/ALBUM, DER STANDARD, Printausgabe, Sa./So., 22./23.6.2002)

Maarten't Hart, Das Pferd, das den Bussard jagte. Aus dem Niederländischen von Marianne Hohlberg. EURO 20,50/316 Seiten. Arche, Zürich 2002
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