Es glänzen die Schienen, es rattern die Sätze

21. Juni 2002, 22:17
posten

Steffen Kopetzky nutzt die Eisenbahn als Modell für sein Erzählen

Nach zwei eher kürzeren Romanen galt Steffen Kopetzky eigentlich als ein Autor, der gerne und intelligent mit Formen spielt, das Erzählen von Geschichten aber lieber vernachlässigt. Und nun das: ein 740-Seiten-Roman, voluminös, raffiniert und detailverliebt, der den Leser mit seinen vielen Volten und Verzweigungen ständig unter Spannung hält.

Kopetzkys Held, ein auf dem toten Gleis gelandeter Architekturstudent namens Leonard Pardell, lässt sich 1999 bei der "Compagnie des Wagons-Lits" als Schlafwagenschaffner anstellen. Den Job wird er zwar nur acht Monate ausüben, doch in dieser Zeit ändert sich für Pardell mehr als in seinen vorangegangenen achtundzwanzig Lebensjahren.

In Berlin lässt er seine Diplomarbeit über Fluchtwege in den "Carceri" des Barockarchitekten Piranesi unvollendet liegen, in München bleibt er hängen, weil seine "Flucht" nach Buenos Aires an einem kriminellen Reiseveranstalter scheitert. Sein Job bei der Münchner Sektion der Compagnie ist der des Springers - doch was als Notlösung gedacht war, das fasziniert Pardell bald gegen seinen Willen: Eine Unmenge bunter Existenzen, schräger Nachtvögel und leichtlebiger Menschen zieht in den rollenden Nächten an ihm vorbei, vom Glücksspiel bis zum Drogenhandel beobachtet er jede Menge Nebengeschäfte. Daneben wärmt Pardell eine alte Liebe per Telefon auf, verführt fallweise weibliche Fahrgäste - oder die ihn - und verfällt schließlich der Beischlafdiebin Oxana.

Kein Wunder, dass er irgendwann überzeugt ist: "Am Abend auf Reisen zu gehen, hat etwas unabweisbar Beglückendes." Hinzu kommt, dass all diese tragischen, gescheiterten, skurrilen und liebenswerten Lebensläufe irgendwie miteinander zusammenhängen.

Aber Leo Pardell ist nur der eine Schienenstrang der Geschichte. Auf dem anderen ist ein alternder Anwalt mit Adelstitel unterwegs, der als Nachlassverwalter auf internationale Erbschaften spezialisiert ist und den im Herbst seines Lebens nur noch eines interessiert: Uhren der Luxusklasse, und da ganz besonders die mit mechanischen "Komplikationen".

Ansonsten lautet sein Lebensmotto: "Es muss unbedingt mehr getrunken werden." Dieser daueralkoholisierte Baron Friedrich von Reichhausen jagt eigentlich nur einer Uhr nach - der von einem gewissen Samuel Ziffer im Jahre 1924 erbauten "Grande Complication", die als einzige Armbanduhr über eine vierstellige Jahresanzeige verfügt. Das Besondere dieses Luxus-Tickers: Zur Jahrtausendwende werden sich erstmals alle vier Ziffern bewegen. Die Jagd nach dieser Uhr führt den Baron dabei quer durch Europa - München, Wien, Paris, Brüssel, Berlin, Amsterdam, London, Kopenhagen, Madrid, Neapel und Zürich heißen die Stationen - und sie ruiniert ihn. Zumindest in moralischer Hinsicht.

Geschickt nutzt Kopetzky die Eisenbahn dabei als Modell für sein Erzählen: Wie auf einem Schienennetz läuft die Geschichte auf ein fernes Ende zu, viele Weichen zwingen sie immer wieder zu überraschenden Richtungswechseln, an zentralen Knotenpunkten orientiert sie sich neu. Die vielen Verzweigungen nutzt Kopetzky, um fortwährend neue Figuren einzuführen: Detektive, Taxifahrer, einen neapolitanischen Miniatur-Mafioso, belgische Verkehrsbürokraten und deutsche Möchtegern-Literaten, die sich als Stadtschreiber durchs Leben schlagen.

Auch wenn einige dieser Figuren und Geschichten auf dem Abstellgleis enden: Sie treiben den Roman rasant voran und sind Garant dafür, dass dem Leser nie langweilig wird. Es spricht für die Meisterschaft des Autors, dass er - und mit ihm der dankbare Leser - dabei nie den Überblick verliert.

Die Unangestrengtheit des Tonfalls und das Füllhorn der Geschichten, das auf Neugierige wartet, machen es ohnehin zum Vergnügen, dem Autor auf seiner Reise zu folgen. Auch wenn es eine lange ist.

PS: Wie der Romanheld Leo Pardell verbrachte auch Steffen Kopetzky acht Monate auf der Schiene. (Günther Fischer/ALBUM, DER STANDARD, Printausgabe, Sa./So., 22./23.6.2002)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Steffen Kopetzky, Grand Tour oder Die Nacht der Großen Complication. EURO 30,80/740 Seiten. Eichborn, Berlin 2002

Share if you care.