"Sie legen sich alle auf die Schienen"

21. Juni 2002, 22:07
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Die verspottete und verlachte Eisenbahn in der österreichischen Literatur - Eine Reise

Die Eisenbahn kommt in der österreichischen Literatur meist gar nicht gut weg. Sie wird verspottet und verlacht, ja sogar als Unheils- und Todesbringer dargestellt. Eine kurze Zugfahrt durch den Lesesaal, ohne genauen Fahrplan, mit Othmar Pruckner.


Kleiner Bahnhof Im Übermaß der Ebene Ängstlich angeklammert an die Schienen, längst verloren im wogenden Mai: Den Schotter frißt der Löwenzahn, der Flieder wuchert aus den Fenstern, das Lilienschwert durchbohrt die Vorstandsfrau.

Gerhard Fritsch, Station im Flachland

Die Bahn fährt bei den meisten österreichischen Autoren als anachronistisches, oft auch gemeingefährliches Verkehrsmittel durch Romane und Aufsätze. Selten wird die Rasanz der Maschinen, der Komfort der Abteile besungen, kaum je sind schnelle Züge zentraler Ort der Handlung. Im Gegenteil: Fast immer sind es Verspätungen, Gebrechen, Unbequemlichkeiten, ja sogar "verlorengegangene Züge", die mit beißendem Spott beschrieben werden. Die Bahn wird, ein österreichisches Schicksal, als ein lächerlicher Bummelzug abgebildet - und das von allem Anfang an.

"Im Hintergrund links wird die Landschaft abermals felsig und gibt die Öffnung des Tunnels frei, aus dem sich das einspurige Bahngleis hervorkrümmt; es führt über Moos- und Wiesengrund, der die linke Hälfte der Bühne einnimmt (und von einigen ausgestopften Lämmern bevölkert sein kann), und verliert sich links in der Kulisse, aus der die Zufahrt erfolgt. (...) Das Bahnwärterhaus selbst ist ebenerdig, in der Art eines schönbrunnergelb gestrichenen Pavillons, und trägt die deutlich lesbare Fraktur-Aufschrift: Wuzelwang am Wuzel. Mit allerhöchstem Privileg Rangir- und Haltestation der Kaiserlich Erbländisch Antizipirten Eisenbahnen. Seehöhe 2817 Fuß 32 Klafter."

Fritz von Herzmanovsky-Orlandos berühmter Text Kaiser Franz Joseph und die Bahnwärterstochter fackelt nicht lang herum; er übersteigert die rustikale Nebenbahnidylle ins Groteske; das Volk der Bahnbediensteten kommt ebenso wie das Verkehrsmittel denkbar schlecht weg. Spätestens wenn der "k.erbl. Bahnwärter Franz Zwölfaxinger" mit herzerfrischender Innigkeit "Das Zügerl, das pfeift,/ Und's Gamserl pfeift aa,/ I kenns auseinander,/ die Pfiff alle zwaa!" trällert, wird die weite Welt der Eisenbahn zur Lachnummer degradiert.

Die penetrante Langsamkeit

Österreichs Züge fahren meist aufreizend langsam, und das nicht nur bei Herzmanovsky-Orlando. Während Autoren im 19. Jahrhundert Lokomotiven noch als "Projektile" beschreiben, die durch die Natur "hindurchschießen", ist im 20. Jahrhundert für solche Bilder kein Platz mehr. Peter Handke etwa erfragt in dem 1967 erschienenen Text Zugauskunft die äußerst beschwerliche, durch dutzendfaches Umsteigen verzögerte Anreise in den Ort "Stock". Alois Brandstetter benützt in Zu Lasten der Briefträger das Kursbuch der Bahn, wenn er "etwas zum Lachen haben möchte":

"Das Kursbuch der Bundesbahn hat nämlich mit der Wirklichkeit der Bundesbahn überhaupt nichts oder nur am Rande und nur sehr entfernt etwas zu tun. Übereinstimmungen zwischen dem Kursbuch der Bundesbahn und der Wirklichkeit der Bundesbahn sind rein zufälliger Natur (...) Das Kursbuch, sagt Deuth, dient der Bahn überhaupt nur dazu, um die Verspätungen auszurechnen."

Fahren die Züge ausnahmsweise einmal rasend schnell, dann sind sie damit auch schon wieder außer Kontrolle geraten. So lassen Carl Merz und Helmut Qualtinger im Hörspiel Sliwowitz-Express eine "Männerstimme" vom "Ministerium zur Förderung der teilweisen Elektrifizierung der niederösterreichischen Landesbahnen" eine wahre Horrorfahrt erleben. Der Zug rast ungebremst durch die Stationen der Wachau, die Passagiere sitzen in Furcht und Schrecken in ihren Abteilen. Das - betrunkene - Zugpersonal wird bei der Ankunft am Wiener Franz-Josefs-Bahnhof dennoch gefeiert: Erstmals ist ein Zug fahrplanmäßig in Wien angekommen.

Höllenmaschine, außer Kontrolle

Die reizvolle, alte Ghega-Strecke über den Semmering gab Heimito von Doderer Gelegenheit, das Erlebnis Bahnreise in leuchtenden Bildern darzustellen. Im Roman Die Wasserfälle von Slunj ergötzt sich der Reisende Robert Clayton an der vorbeifliegenden Landschaft. "Die Abstürze neben der Strecke wurden steiler und tiefer und schließlich schwindelnd, als man in eine Art offene Galerie fuhr. Ihre Pfeiler zischten vorbei. In der nächsten Kurve sah er, so rückwärts wie vorne, die Lokomotiven donnernde Dampfstrahlen emporwerfen."

Allerdings gestaltet Doderer an anderer Stelle ein Motiv, das von vielen seiner Berufskollegen variiert wurde: Der ewige Kampf des Menschen mit der unberechenbaren, "donnernden" Maschine. Bei Doderer geht dieser ewige Zweikampf noch gut aus. Der Taxichauffeur Léon Pujot springt - in der gleichnamigen Erzählung - von einem Auto, das er selbst lenkt, auf eine führerlos dahinrasende Schnellzuglok auf und bringt sie zum Stillstand.

"Er stürzte nach vorne in den Führerstand. (...) Während seine Hand langsam und maßvoll Pressluft gab, verringerte sich die Geschwindigkeit der Fahrt mehr und mehr, das Ungeheuer von Maschine gehorchte den winzigen Griffen des Menschen. Nun glitt der Zug ganz sachte dahin." Noch einmal Glück gehabt, könnte man da sagen.

Ödön von Horváth lässt dagegen in Der jüngste Tag den Bahnhof zum Schauplatz einer klassischen Tragödie werden. Der Bahnhofsvorstand Thomas Huddetz vergisst, abgelenkt durch die aufdringliche Wirtstochter, ein Signal umzustellen; die Regieanweisung für das zweite Bild lautet:

"Der Eilzug vierhundertfünf, dem kein Signal gegeben wurde, ist unweit des kleinen Bahnhofes mit einem Güterzug zusammengestoßen. Wirre Trümmer auf dem Bahndamm im Hintergrunde. Die Verletzten und Toten wurden bereits abtransportiert. Pioniere sind mit den Aufräumungsarbeiten beschäftigt. (...) Der Morgen graut, es wird ein fahler Tag. Alles fröstelt."

Anschläge und Selbstmörder

Die Bahn hat es nicht leicht, weder in der prosaischen Wirklichkeit noch in der hohen Literatur. Neben Unglücksfällen muss sie auch noch Anschläge erdulden. H. C. Artmann schmiedet in Kommst du im Traum ebenso Attentatspläne wie Thomas Bernhard in seinem autobiografischen Werk Ein Kind:

"Ich erinnere mich, dass ich in der Langeweile der Nachmittage sehr oft Steine auf die Geleise gelegt habe, ohne Zweifel zu klein für die gigantischen Lokomotiven, die ich und meine Volksschulkollegen so gern in die Tiefe stürzen gesehen hätten. (...) Zur Vollendung unserer anarchistischen Absichten fehlte es uns an Körperkraft, nicht an den geistigen Fähigkeiten."

Viel öfter, als die Eisenbahn von Lausbuben oder Terroristen zum Entgleisen gebracht wird, tötet sie selbst, und zwar Unvorsichtige wie Lebensmüde. Wenn auch den Lokführer keine Schuld trifft, so bleibt die Eisenbahn letzten Endes doch das Unheil bringende Vehikel. Peter Rosei schildert in Er springt, einem kurzen Prosatext, die Sekunden vor dem entsetzlichen Ende des Selbstmörders. Wolfgang Bauer übersteigert in seinem frühen Stück Der Schweinetransport das Motiv ins Absurde:

"H: (leise) Hier liegen immer die Selbstmörder. Viele, viele Selbstmörder. Intellektuelle. Es ist eine herrliche Gegend hier. Sie legen sich alle auf die Schienen. (...)"

Die Bahnreise scheint überhaupt eine ganz gefährliche Fortbewegungsart zu sein: Früher mordete man im Orientexpress, heute wird das Zugspersonal überfallen. Paulus Hochgatterer lässt in seinem 1999 erschienenen Roman "Caretta, Caretta" seinen jugendlichen Antihelden auf den Schaffner losgehen:

"Ich griff nach dem Fahrscheindrucker und schlug ihm das längliche Gerät mit aller Kraft gegen die Nase, eine Kante exakt in den Knick, den er dort schon hatte (...) aus beiden Nasenlöchern wölbte sich hellrot das Blut."

Die Züge verschwinden

Auch Erich Fried gibt der Bahn - wie so viele Autoren vor ihm - keine Chance; er ist freilich noch radikaler als alle anderen. Sein Gedicht Altes Eisenbahnerlebnis endet lakonisch mit "Als ich ausstieg, hörte ich den Beamten noch grollen/ im nächsten Wald ist der Zug dann spurlos verschollen."

Als gelernter Österreicher mutmaßt man sofort, dass solche Behauptungen ein Körnchen Wahrheit beinhalten, ja, dass sich im Bermudadreieck zwischen Bruck an der Mur und Stainach-Irdning auch schon ganze andere Sachen zugetragen haben könnten. Herzmanovsky-Orlando etwa lässt eine "Wittfrau" raunen:

"Sie sein auf Züge g'stoßen (...) oft schon voller Schwammerln (...) wo die Schgeletter von die verhungerten Passascheer aus die Fenster herausgeglotzt haben (...)."

Schwachen Trost spendet uns irritierten und irgendwie auch gekränkten Bahnfreunden da nur noch ein "Herr", der auf das Lamento der Wittfrau "unwillig" erwidert:

"Was redet Sie da für einen Unsinn? So was ist vielleicht im Anfang dann und wann passiert, aber doch jetzt nicht mehr." (ALBUM, DER STANDARD, Printausgabe, Sa./So., 22./23.6.2002)

Der Autor ist Redakteur im Wirtschaftsmagazin "trend" und Reisebuchautor. Im September erscheint von ihm "Das Waldviertel" im Falter Verlag.
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