Mitverantwortung der Alliierten

21. Juni 2002, 19:37
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Symposium über Benes-Dekrete

Wien - Bei den ehemaligen Alliierten gebe es "keine Selbstreflexion über ihre Mitverantwortung" für die Vertreibung der Sudetendeutschen und Ungarn aus der Tschechoslowakei. Das sagte der amerikanische Historiker Bradley F. Abrams (Columbia University New York) am Freitag in einem Symposium des Demokratiezentrums Wien zum Thema Benes-Dekrete. Die Alliierten hätten die Zusammenfassung aller Deutschen in einem von ihnen kontrollierten Nachkriegsdeutschland prinzipiell akzeptiert und damit die Prinzipien ihrer eigenen Atlantik-Charta von 1941 (u.a. Selbstbestimmungsrecht) verletzt.

Abrams relativierte die Verantwortung des tschechoslowakischen Präsidenten Edvard Benes: Dieser habe noch bis kurz vor Kriegsende eine Variante erwogen, nach der 350.000 bis 400.000 Sudetendeutsche durch Grenzänderungen, also ohne Umsiedlung, zu Deutschland kämen, weitere 800.000 sollten in der Tschechoslowakei bleiben. Dagegen habe es aber Widerstände bei den Alliierten gegeben.

Zur aktuellen Debatte in Tschechien zitierte die Prager Zeithistorikerin Alena Mísková die Antwort des Publizisten und ehemaligen Kulturministers Pavel Tigrid auf die Frage nach den nationalen Interessen: "In unserer heutigen Lage: ein Bekenntnis, und zwar aus eigenem freiem Willen und in möglichst breiter . . . Zustimmung, zu einem gewichtigen moralischen Versagen in unserer nationalen Geschichte. . . So handelt eine Nation ohne Duckmäusertum und Komplexe, . . . eine stolze Nation." (jk/DER STANDARD, Printausgabe, 22./23.6.2002)

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